Das  Amtsgericht Charlottenburg bearbeitet die Firmen-Insolvenzen in Berlin.   Foto: imago images/ Schöning

Düsseldorf - Die Corona-Krise geht seit ihrem Anbeginn mit Warnungen vor vielen Pleiten einher. Die  Wirtschaftsauskunftei Creditreform sieht auf der einen Seite eine Insolvenzwelle  von bisher nicht gekanntem Ausmaß bei Unternehmen, falls sich die Wirtschaft nicht rasch vom Konjunktureinbruch erholt. Auf der anderen Seite sieht das Unternehmen - einstweilen - keine entsprechende Entwicklung bei Privatleuten.

Nach Meinung vieler Fachleute könne es einen Anstieg der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent geben, sagte der Hauptgeschäftsführer von Creditreform, Volker Ulbricht. Dabei gibt es ein Paradox: Im ersten Halbjahr 2020 hatte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen trotz Corona  überraschend noch einmal kräftig um 8,2 Prozent auf 8900 Fälle verringert. Das Insolvenzgeschehen habe sich damit von der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation der Unternehmen abgekoppelt, sagte Ulbricht.

Die Gründe dafür seien vor allem die milliardenschweren Unterstützungen des Staats für von Corona geschädigte Unternehmen und noch mehr die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht - wer pleite geht, muss das bis Ende September nicht melden. Unter Umständen wird die Regelung bis März 2021 verlängert.  

Die Maßnahmen seien offenbar in ihrer Wirkung über das Ziel hinausgeschossen und hätten auch einigen Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht erspart, die schon vor der Krise von der Pleite gefährdet gewesen seien. Die Insolvenzwelle sei damit aber nur vertagt worden, betonte Volkert. Das Risiko einer  Verschärfung der Lage in der zweiten Jahreshälfte 2020 und im  Jahr 2021 steige.

Die Schäden durch die  Unternehmensinsolvenzen im 1. Halbjahr bezifferte Creditreform auf rund 12 Milliarden Euro. Bei den betroffenen Unternehmen und deren Umfeld seien rund 125.000 Arbeitsplätze bedroht oder bereits weggefallen. Bestätigt habe sich der Trend der letzten Jahre, wonach viele Pleitekandidaten ältere, schon etablierte Unternehmen sind. Immerhin knapp die Hälfte der Insolvenzen im ersten Halbjahr entfiel auf Firmen, die älter als zehn Jahre waren.

Kaum einen Effekt der Corona-Krise sieht Creditreform bislang bei den Verbraucherinsolvenzen. Die Zahl der Privatpleiten verringerte sich in den ersten sechs Monaten weiter um 6,4 Prozent auf 30.800. Bis Mitte März seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Verbraucher noch gut gewesen - geprägt von einem stabilen Arbeitsmarkt und niedrigen Zinsen.

Inzwischen hätten steigende Arbeitslosenzahlen und eine massive Ausweitung der Kurzarbeit die finanziellen Spielräume vieler Verbraucher zwar eingeengt. Dennoch sei auch im zweiten Halbjahr keine dramatische Änderung der Situation bei den Verbraucherinsolvenzen zu erwarten. Denn es sei ein langer Weg, bis ein überschuldeter Verbraucher tatsächlich ins Insolvenzverfahren komme.

Letztlich sei die künftige Entwicklung bei den Verbraucherinsolvenzen davon abhängig, ob es gelinge, die Krise am Arbeitsmarkt mit Kurzarbeit zu bewältigen, oder ob es am Ende doch noch zu einem massiven Stellenabbau in Deutschland komme.