Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerk (THW) bereiten sich auf den Abflug in die libanesische Hauptstadt Beirut vor. Foto: Kai-Uwe Wärner/dpa

Die verheerende Explosion im Hafen von Beirut hat den Libanon ins Mark getroffen, nur sehr langsam kommen die Bewohner der Hauptstadt nach der Katastrophe zu sich. Eine Untersuchungskommission soll in wenigen Tagen erste Ergebnisse vorlegen, wie es zum Unglück kommen konnte. Hilfe aus Deutschland ist jetzt auf dem Weg.

Nach den beiden verheerenden Explosionen ist das Hafengebiet Beiruts eine Trümmerwüste.  Foto. Imago Images/Xinhua

Das Technische Hilfswerk (THW) entsandte im Auftrag der Bundesregierung erste Kräfte, die „vor Ort die Lage erkunden und beurteilen, Verschüttete lokalisieren und retten, Gebäudeschäden beurteilen und die Botschaft unterstützen“, so THW-Vizepräsidentin Sabine Lackner zum Einsatz. Auch die Bundeswehr startet einen großangelegten Einsatz. Die Luftwaffe will ein medizinisches Erkundungsteam der Streitkräfte nach Beirut fliegen, die Bundeswehr-Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ nahm von Zypern aus Kurs auf Beirut. Und die in Köln/Wahn stationierte „fliegende Intensivstation“ der Bundeswehr - ein Airbus A310 „MedEvac“ für den Transport Schwerverletzter - wurde in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt.

Libanesische Soldaten suchen in den Trümmerbergen nach Überlebenden der Katastrophe. Foto: Hassan Ammar/AP

Bei der gewaltigen Explosion am späten Dienstagnachmittag war halb Beirut zerstört oder beschädigt worden. Mindestens 137 Menschen starben, Tausende wurden verletzt und Hunderttausende obdachlos. Auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft kam in ihrer Wohnung ums Leben, wie Bundesaußenminister Heiko Maas mitteilte.

Die Detonation hat große Teile der sonst lebendigen Stadt am Mittelmeer in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Der Hafen liegt in Schutt und Asche. Die Wucht der Detonation hat auch die umliegenden Wohngebiete erfasst: Fensterscheiben sind zersplittert, Schilder und Fensterläden abgerissen, Fassaden zerstört, Autos umgekippt. Noch immer sind die Straßen mit Glassplittern übersät.

Rettungshelfer suchen weiter nach Überlebenden. Noch immer werden rund 100 Menschen vermisst. Soldaten der Armee, Mitarbeiter des Roten Kreuzes und Freiwillige waren am Ort des Katastrophe im Einsatz. Mitarbeiter des Zivilschutzes kontrollierten zudem Gebäude, die einsturzgefährdet sein könnten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) brachte zur Versorgung der Verletzten 20 Tonnen Hilfsgüter in den Libanon.

Die Besatzung der Korvette «Ludwigshafen am Rhein» 2019 bei der Verabschiedung vor dem Schiff. Die Korvette ist unterwegs zum Hilfseinsatz in Beirut. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Angehörige von Überlebenden hoffen auf Lebenszeichen von Vermissten. „Ich warte hier, ich bewege mich nicht weg“, rief eine Frau in der Nähe des abgesperrten Hafens. „Mein Bruder arbeitete im Hafen und ich habe von ihm nichts gehört, seitdem es die Explosion gab.“ Bei dem Ungück wurde auch das Kreuzfahrtschiff „Orient Queen“ im Hafen so schwer beschädigt, dass es trotz aller Rettungsversuche sank. Zwei Besatzungs-Mitglieder kamen ums Leben.

Nach Regierungsangaben waren 2750 Tonnen ohne geeignete Vorsichtsmaßnahmen gelagertes Ammoniumnitrat explodiert, das vor Jahren auf einem Schiff beschlagnahmt worden war. Die Substanz kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden. Eine Untersuchungskommission soll bis zur kommenden Woche einen ersten Bericht zur Unglücksursache vorlegen und die Verantwortlichen für die Lagerung des Ammoniumnitrats ausfindig machen.

Helfer bringen einen Überlebenden aus den Schuttbergen in Sicherheit. Foto: Hassan Ammar/AP

Das Lagerhaus war in heruntergekommenem Zustand und hatte Risse in den Wänden, wie Behördenmitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP sagten. Sicherheitskräfte hatten vergangenes Jahr eine Untersuchung geführt, weil aus dem Gebäude merkwürdige Gerüche gedrungen waren. Die Untersuchung gelangte zu dem Schluss, dass das „gefährliche“ Material aus der Halle entfernt werden müsse. Dies geschah aber nie.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besuchte am Donnerstag den verwüsteten Ort der schweren Detonation im Hafen. Foto: Thibault Camus/AP Pool/dpa

Der Libanon leidet seit Monaten ohnehin schon an einer schweren Wirtschaftskrise, die große Teile der Bevölkerung in die Armut getrieben hat. Präsident Aoun bat deshalb die internationale Gemeinschaft um schnelle Hilfe für sein Land. In die Verzweiflung der Menschen in Beirut mischt sich aber auch wachsende Wut auf die politische Elite.

Sie brach sich am Donnerstag Bahn, als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Ort der Katastrophe besuchte, begleitet von seinem libanesischen Kollegen Michel Aoun. „Ihr seid alle Mörder“, schrie eine Frau unter Tränen von einem Balkon. „Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?“ Macrons libanesischer Amtskollege Aoun wurde als „Terrorist“ beschimpft. Ein Mann näherte sich Macron und rief: „Bitte helfen Sie uns.“

Arbeiter bereiten am Flughafen von Teheran (Iran) Lebensmittel und medizinische Ausrüstung für den Transport nach Beirut vor. Foto: Imago Images/Xinhua

Die großen Schäden am Beiruter Hafen könnten sich nach UN-Angaben auch auf die Lage vieler Menschen im benachbarten Bürgerkriegsland Syrien auswirken. Der Hafen werde zum Umschlag von humanitären Hilfsgütern für das Bürgerkriegsgebiet genutzt, sagte ein Sprecher. „Dies wird unsere Fähigkeit zur Unterstützung in Syrien beeinträchtigen.“