Schneller heißt teurer – die Post will die Zwei-Klassen-Gesellschaft für Briefe.
Schneller heißt teurer – die Post will die Zwei-Klassen-Gesellschaft für Briefe. dpa/Fernando Gutierrez-Juarez

Eigentlich soll ein Brief, der heute in den Briefkasten eingeworfen wird, am folgenden Werktag schon beim Empfänger ankommen. Das ist für einen Großteil der täglichen Post sogar gesetzlich vorgeschrieben, klappt aber immer seltener! Statt Abhilfe zu schaffen, will die Post jetzt an der Bummelei auch noch verdienen. Denn wer schnelle Briefe will, soll dafür extra zahlen.

„Wir könnten uns vorstellen, unseren Kunden künftig eine Wahlmöglichkeit zu geben, ob die Briefe schnell zugestellt werden sollen oder ob sie etwas länger unterwegs sein dürfen, mit entsprechender preislicher Differenzierung“, sagte ein Post-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Die Kundinnen und Kunden „könnten dann entscheiden, ob ihnen eine besonders schnelle Zustellung einen Aufpreis wert ist“, warb das für das Brief-Geschäft zuständige Post-Vorstandsmitglied Nikola Hagleitner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Mittwoch) für eine solche Lösung.

Derartige unterschiedliche Zustellgeschwindigkeiten gebe es auch in vielen anderen europäischen Ländern, hieß es bei der Post. So haben die Schweiz und Österreich schon eine Zwei-Klassen-Gesellschaft für Briefe.

In der Schweiz gibt es A- und B-Post. Ein Standardbrief bis 100 Gramm kostet auf schnellem Weg 1,10 Franken (1,12 Euro), mit der langsameren Post 0,90 Franken. Die Post verspricht eine Zustellung der schnellen Post am nächsten Werktag sowie am Samstag. Bei der B-Post kann die Zustellung bis zu drei Werktage dauern, und sie wird nicht am Samstag zugestellt.

Die österreichische Post unterscheidet zwischen Prio-Brief und Eco-Brief. Ein Prio-Brief bis 20 Gramm kostet 1 Euro und ist am nächsten Tag beim Empfänger. Ein Eco-Brief kostet nur 0,81 Cent, braucht aber zwei bis drei Werktage.

Bisher schreibt ein Gesetz die schnelle Zulieferung vor

Voraussetzung für die Einführung auch in Deutschland wäre aber wohl, dass bei der anstehenden Reform des Postgesetzes die Verpflichtung der Deutschen Post gestrichen würde, wenigstens 80 Prozent der Briefe am folgenden Tag zuzustellen. Derzeit kommen Firmenangaben zufolge 83 bis 84 Prozent der eingeworfenen Briefe am Folgetag an – vorausgesetzt, dass es kein Sonntag oder Feiertag ist.

Die Post steht wegen Problemen bei der Zulieferung von Briefen in der Kritik, jetzt will sie an der Bummelei sogar verdienen.
Die Post steht wegen Problemen bei der Zulieferung von Briefen in der Kritik, jetzt will sie an der Bummelei sogar verdienen. imago/Michael Gstettenbauer

Die Post hält diese „starren Laufzeitvorgaben“ in der Ära der elektronischen Kommunikation für nicht mehr zeitgemäß und wirbt seit einiger Zeit offensiv für ihre Abschaffung – aus betriebswirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil die dafür notwendigen Nachtflüge die Umwelt belasteten.

Die Ampelkoalition will das Postgesetz ändern und modernisieren – seine Eckpfeiler sind mehr als zwei Jahrzehnte alt und kommen aus einer Zeit, als viele Bürger noch Briefe und Postkarten statt Mails und Chatnachrichten schrieben.

Verbraucherschützer sehen jedoch den Vorstoß der Post kritisch. „Bis jetzt ist es so geregelt, dass 80 Prozent aller Briefe am nächsten Tag zugestellt werden müssen, 95 Prozent bis zum zweiten Tag. Jetzt zu sagen, wir wollen von dem Anspruch runtergehen und es dafür teurer machen, ist natürlich nicht im Sinne der Verbraucher“, sagte Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale NRW. „Das ist aus Sicht des Verbraucherschutzes ein Signal in die falsche Richtung.“

Probleme bei der Briefzustellung häufen sich

Der Post-Vorstoß fällt in eine Zeit, in der das Image des Bonner Konzerns wegen Problemen bei der Briefzustellung ohnehin angekratzt ist. Die Zahl der Beschwerden über verspätete oder gar nicht angekommene Briefe bei der Bundesnetzagentur hat sich in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf mehr als 30.000 verdoppelt.

Meist sei es dabei um Mängel bei der Briefzustellung beim Marktführer, der Deutschen Post, gegangen, berichtete die Aufsichtsbehörde im vergangenen Monat. Die Post selbst sprach von „lokalen Problemen“ und begründete sie mit einem hohen Krankenstand und der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt, wo zu wenige Fachkräfte zu finden seien.

Schnelle Beförderung von Behörden-Briefen wichtig

Die Bundesnetzagentur reagierte zurückhaltend auf den Post-Vorstoß. „Über eine Änderung der Laufzeitvorgaben oder eine preisliche Differenzierung kann diskutiert werden“, sagte eine Sprecherin der Behörde. Doch müssten die Auswirkungen eines solchen Schrittes genau untersucht werden.

„Die digitale Post kann den analogen Brief im Moment nicht vollständig ersetzen, und es gibt das berechtigte Interesse, dass Briefe regelmäßig und schnell befördert werden.“ Das gelte etwa für wichtige persönliche Korrespondenz oder behördliche und geschäftliche Sendungen. Eine kurze Laufzeit von Briefsendungen – das belegten auch Umfragen – sei den Menschen sehr wichtig.