Die Lebensgefährtin Elena German (l.), seine Mutter (r.) und Angehörige trauern in Minsk am offenen Sarg um den Demonstranten Alexander Taraikovsky (34). Elena ist sicher, dass die Polizei ihn erschossen hat. Offiziell ist ihm ein Sprengkörper in der Hand explodiert. Foto: Sergei Grits/AP/dpa

Zwei Tote, zusammengeschlagene Demonstranten, Tausende von Verhafteten, die teilweise in ihren eigenen Exkrementen endlose Stunden knien mussten – und dennoch gehen die Menschen in Belarus weiter auf die Straße. Unter anderem gibt ihnen ein Rocksong aus der Sowjetunion Kraft: „Chotschu peremen“ – „Ich will den Wandel“. Das Stück des sowjetischen Rockmusikers Viktor Zoi und seiner Band „Kino“ ist zum illegalen Hit in Belarus geworden, erklingt aus vielen Handys.

Mit Blumen in den Händen strömten Menschen in Minsk zu dem Ort, an dem Alexander Taraikovsky am Montag ums Leben gekommen war. Auf einer Papptafel dort steht: „Wir werden nicht vergessen, wir werden nicht vergeben.“ Foto: Sergei Grits / AP

Das Lied von 1986, so schreibt es der Slawist Ingo Grabowsky, war so etwas wie die Hymne der Perestroika Gorbatschows. Jetzt, wo sich der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko mit Fälschung der Präsidentenwahl und exzessiver Polizeigewalt an der Macht zu halten versucht, gewinnt es in Minsk, Brest oder Gomel neue Bedeutung.

Die Beine sind mit Blutergüssen übersät – Demonstranten zeigten die Folgen schwerer Misshandlungen durch die Polizei. Foto: Sergei Gapon/AFP

Das wissen auch die Schergen Lukaschenkos: Nachdem das „subversive“ Lied bei einem öffentlichen Familienfest kurz vor der Wahl in Minsk aufgelegt worden war und viele Gäste – meist Anhänger der Lukaschenko-Gegenkandidatin Swetlana Tichanowskaja – den Refrain „Wandel, wir warten auf den Wandel“ mitsangen, wurden die beiden DJs wegen „Rowdytums“ und „Ungehorsams“ zu je zehn Tagen Haft verurteilt.

Zoi wurde in den 80er Jahren zum Star. Beim letzten Konzert 1990 im Moskauer Lushniki-Stadion waren 62.000 Zuschauer dabei. Der Sänger hatte, so analysiert es Grabowsky in einem Beitrag für das Portal Dekoder, Stimmungen der sowjetischen Jugend aufgenommen, die nicht ins System passten: Einsamkeit, Langeweile, Trostlosigkeit. 

Aufnahmen Viktor Zois - Sohn einer Russin und eines Koreaners – wurden 2009 im Remake des Films „Die Nadel“ („Igla“) vom Regisseur wiederverwendet. 
Foto: imago stock & people

 Als der gebürtige Leningrader Zoi am 15. August 1990 - vor genau 30 Jahren - mit nur 28 Jahren bei einem Verkehrsunfall starb, brach für viele junge Leute eine Welt zusammen. Es gab eine Reihe von Selbstmorden. Bis heute hält sich im postsowjetischen Raum und damit auch in Belarus die Verehrung des  Rockers. Es gibt eine Reihe von Denkmälern, der Regisseur Kirill Serebrennikow drehte 2018 einen Film („Leto“) über Zoi und erhielt dafür einen Europäischen Filmpreis.

Der Slawist Grabowsky ist unter anderem Lehrbeauftragter am Lotman-Institut für russische Kultur an der  Uni Bochum. dekoder.org ist ein Portal, auf dem Wissenschaftler, Übersetzer und Journalisten vorwiegend Texte russländischer Medien ins Deutsche übertragen.