Menschen sind in Kabul auf das Dach eines afghanischen Verkehrsflugzeugs geklettert, in der Hoffnung, so einen Mitflug ins Ausland erzwingen zu können.. AFP/Wakil Kohsar

Ein schockierendes Twitter-Video macht die Verzweiflung klar, die bei Teilen der Bevölkerung nach der kampflosen Eroberung  Kabuls durch die Taliban  herrscht: Man sieht Pünktchen, die sich in großer Höhe von einem Flugzeug lösen und zu Boden stürzen. Es sind Menschen, die sich an die Maschine geklammert hatten.

Auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt gab es Chaos: Afghanen hatten sich dorthin durchgeschlagen, um mit einem der Flugzeuge, die mit vorwiegend ausländischen Passagieren abheben, das Land verlassen zu können. Am Flughafen versuchten US-Soldaten, einerseits sie von Flugzeugen und die Taliban vom Flughafengebäude fernzuhalten. Es waren Schüsse zu hören, es war von drei Toten die Rede. 

Menschen strömen zu Fuß zum Flughafen. Viele haben ihr Auto im Stau zurückgelassen. AFP/Wakil Kohsar

Die Luftwaffe bringt unterdessen mit drei Airbus-Transportflugzeugen Soldaten nach Kabul, darunter Fallschirmjäger: Sie sollen den Abtransport von etwa hundert Deutschen – darunter nahezu alle Mitarbeiter der geschlossenen Botschaft – sowie von früheren Helfern der Bundeswehr decken. Die ersten 40 Deutschen waren bereits mit einem US-Flugzeug ausgeflogen worden.

Am Nachmittag wurde bekannt, dass sich der Einsatz verzögert. Zwei Transporter wurden aufgehalten, weil sie wegen des Chaos auf dem Flughafen Kabul derzeit dort nicht landen können. Sie hingen aufgetankt im aserbaidschanischen Baku fest. Eine der Maschinen startete dann nach Kabul, um sich im Luftraum für eine Landung bereitzuhalten, wenn das Flugfeld dafür wieder freigegeben wird. Das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass die US-Truppen am Flughafen Kabul zunächst wieder Ordnung und Sicherheit herstellen müssen, bevor es voraussichtlich ab Dienstag erneut Evakuierungsflüge geben könne.

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Ein US-Soldat herrscht auf dem Flughafen Kabul mit erhobener Waffe einen  Afghanen an. AFP/Wakil Kohsar

Unter den Menschen, die sich zum Flughafen durchgeschlagen hatten und es in ein Flugzeug schafften, war auch ein Offizier der afghanischen Armee. Per Sprachnachricht erzählte er, von einer  geordneten Evakuierung könne keine Rede sein. Menschen seien am Sonntag einfach über die offene Luke in eine Militärmaschine der USA gerannt, ohne jegliche Überprüfung ihrer Dokumente. US-Soldaten hätten versucht, sie mit Tränengas und Schlägen aufzuhalten und sie wieder aus dem Flugzeug zu zerren, ohne Erfolg.

Die Maschine sei dann einfach so gestartet. Nachdem sein Kommandeur bereits in der Maschine vor ihm ausgeflogen worden war, sei auch er in diese so chaotisch besetzte Maschine gelaufen und habe sich in einer Ecke versteckt. Er selbst sitze nun ohne jegliche Dokumente in Doha und wisse nicht, wie es weitergehe.

Appell: Rettet die Frauen!

 Frauenorganisationen appellierten an die Bundesregierung, Frauenrechtlerinnen und Mitarbeiterinnen von Hilfsorganisationen aus Afghanistan herauszuholen. Sie schwebten in Lebensgefahr. „Schon jetzt rächen sich die Taliban an Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen oder eingesetzt haben“, sagte Inge Bell, stellvertretende Vorsitzende von Terre des Femmes.

Die siegreichen Taliban: Männer in Sandalen vertrieben eine hochgerüstete Armee. AFP/Wakil Kohsar

Die Taliban haben unterdessen überall in Kabul Polizeistationen und  Behördengebäude besetzt. Gleichzeitig errichteten sie Kontrollpunkte, wie Bewohner berichteten.

Afghanische Sender arbeiten nur noch sehr eingeschränkt und nicht mehr live. Reine Musik-Kanäle seien in Kabul zufolge nicht mehr zu empfangen, berichten Einwohner. Auch Programme mit Frauen werden nur eingeschränkt gezeigt.

Plakate mit Modellen werden von einem Schönheitssalon abgerissen. Inzwischen sollen die Straßen weitgehend menschenleer sein, weil sich die Menschen verstecken. imago/Kyodo News

Türkische Serien, die bereits vor der Taliban-Übernahme von Konservativen als nicht mit afghanischen Werten übereinstimmend kritisiert wurden, seien aus den Programmen genommen worden. In der Stadt werden unterdessen an Schönheitssalons Plakate mit Frauengesichtern abgerissen oder übermalt.

So sollte die Evakuierung aus Afghanistan mit den Atlas-Airbussen A 300 M  ablaufen. Grafik: dpa

Auf dem Papier waren die Taliban den afghanischen Streitkräften unterlegen. Angeblich 300.000 Mann bei Polizei und Armee standen geschätzt rund 60.000 schlechter ausgerüstete Taliban-Kämpfern gegenüber. Diese profitieren aber von ihrem brutalen Ruf. Mit dem Einsatz sozialer Medien brachten sie Sicherheitskräfte zur Aufgabe. Andernorts einigten sich lokale Politiker, Älteste oder Stammesführer über den Köpfen der Sicherheitskräfte hinweg mit den Taliban auf eine Kapitulation.

Talibankämpfer stehen mit einem erbeuteten Militärfahrzeug vor dem Flughafen.   AP/Rahmat Gul

Man arrangiert sich. Der frühere Präsident Hamid Karsai ließ mitteilen, es gebe Gespräche mit den Taliban, um Leben und Eigentum der Afghanen zu schützen. Nach der Flucht des Präsidenten Aschraf Ghani am Sonntag sei ein Koordinierungsrat für eine friedliche Übergabe der Macht gebildet worden.  

Von der Regierung des geflüchteten Präsidenten Ghani war am Montag praktisch nichts zu sehen. Nur der Gesundheitsminister ging offenbar in sein Ministerium und traf den von den Taliban vorgesehenen Mann für seinen Posten. Man tauschte Nettigkeiten aus, und schließlich rief der designierte Taliban-Gesundheitsminister das Gesundheitspersonal im Land dazu auf - Frauen wie Männer - die Arbeit im ganzen Land wieder aufzunehmen.

Der Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi meldete sich auf Twitter mit einer Schimpftirade. Er sei nicht so skrupellos, mit den Mördern von Tausenden Sicherheitskräften und unschuldigen Zivilisten an einem Tisch zu sitzen und seine Unterstützung für diese Terrorgruppe zu erklären.

Er versprach, Afghanistan von diesen Terroristen zu befreien. Niemand weiß so genau, wo Mohammadi ist. Er stammt aber aus der Provinz Pandschir, der einzigen Provinz im Land, die die Taliban noch nicht eingenommen haben. Dort wird bereits davon gesprochen, einen „zweiten Widerstand“ gegen die Taliban aufzubauen.

Wer wird das Land führen? Und wie?

Wie das Land nun geführt werden soll, ist völlig offen. Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network sagte, er erwarte, dass die Taliban-Führung, die Berichten zufolge seit Jahren in Pakistan lebte, nun nach Afghanistan komme. Wenn auch nicht nach Kabul, dann nach Kandahar im Süden, wo bereits während ihrer früheren Herrschaft ihr maßgeblicher Führungsrat saß.

Ob in der Zukunft auch andere Politiker an der Macht beteiligt werden, ist weitgehen offen. Immerhin hätten die Taliban ihr Islamisches Emirat noch nicht ausgerufen, sagt Ruttig. Auch  Mullah Abdul Ghani Baradar, der das politische Oberhaupt der Taliban sein soll, habe zuletzt von einem „integrativen islamischem System“ gesprochen. Aktuell könne man nur hoffen, dass es eine Konsolidierung gebe und die Taliban alle Versprechen, die sie gegenüber den Menschen gemacht hätten, auch einhalten.

Streit in Deutschland um die Evakuierung

In Deutschland führt die Evakuierung zu politischen Streit. Grüne, FDP, Linke und AfD kritisierten die Bundesregierung, sie hätte die Evakuierung zu spät in Angriff genommen. Außenminister Heiko Maas (SPD) steht im Fokus der Kritik, aber auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU). 

Außenminister Maas räumte Fehler ein. „Es gibt auch nichts zu beschönigen: Wir alle - die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft - wir haben die Lage falsch eingeschätzt.“  Man habe nicht vorhergesehen, dass die afghanischen Streitkräfte nicht bereit gewesen seien, sich den Taliban entgegenzustellen. „Das ist eine Fehleinschätzung gewesen von uns allen. Darüber werden wir sicherlich auch zu reden haben“, sagte Maas.

Kramp-Karrenbauer soll in einer CDU-Vorstandsrunde die SPD scharf angegriffen haben. Die habe sich einem Mandat für den erneuten Bundeswehreinsatz zur Evakuierung widersetzt. Ihre eigenen Vorbereitungen seien aber dennoch weitergelaufen. Das Verteidigungsministerium twitterte: „Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten.“