Ein eingestürztes Haus in Rech an der Ahr: Im  Juli verheerten heftige Regenfälle Teile von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, es gab an die 200 Todesopfer. AFP/Christof Stache

Es wird heißer auf der Erde wie gerade am Mittelmeer. Es wird mehr Dürre auf der einen und wüste Regenfälle wie im westdeutschen Katastrophengebiet auf der anderen Seite geben. Das Eis an den Polen und auf den Gebirgen schmilzt, der Meeresspiegel steigt: Der neue Weltklimabericht des  Weltklimarats IPCC macht keinen Mut. Nach den neuesten Erkenntnissen lassen sich die Folgen des Klimawandels sicherer vorhersagen als bisher, zeigt der Bericht über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels. Voraussichtlich wird die Erwärmung, die laut Pariser Klimaschutzabkommen möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden soll, schon 2030 erreicht.

Die Fakten sind alarmierend: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Episoden mit Starkniederschlägen in den meisten Regionen mit einer weiteren Klimaerwärmung intensiver und häufiger werden“, heißt es. Belegt ist auch, dass der Meeresspiegel weiter ansteigt und das Eis weiter schmilzt. „Sehr wahrscheinlich“ heißt: mit 90 bis 100-prozentiger Sicherheit.

Selbst, wenn es gelingen sollte, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, dürfte der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts um bis zu 62 Zentimeter höher sein als im Zeitraum 1995-2014. Inselstaaten im Pazifik werden verschwinden, Ländern wie den Niederlanden oder Bangladesch droht Überflutung. 

Klimaneutralität heißt, dass nur noch höchstens so viel Treibhausgas ausgestoßen wird wie Senken aufnehmen können.

„In der Arktis sind drei Viertel des Meereisvolumens im Sommer schon abgeschmolzen“, sagte Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. „Wir werden es vermutlich nicht mehr verhindern können, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer zumindest in einzelnen Jahre weitgehend eisfrei sein wird.“

Anfang August fegten zwei Tornados über den Bodensee. Solche Phänomene dürften auch in Deutschland häufiger werden. dpa/Dr. Christoph Sommergruber

Der Weltklimarat beleuchtete die physikalischen Grundlagen zuletzt 2013. Seitdem hätten sich Unsicherheiten in den Klimamodellen deutlich reduziert. Anders als damals stellt die Wissenschaft jetzt klar fest: Wenn die Treibhausgas-Emissionen nicht sehr schnell heruntergefahren werden, wird das Ziel, die Erwärmung auf unter zwei Grad über vorindustriellem Niveau zu begrenzen, scheitern. Zudem könnten mehr Klimaveränderungen direkt auf den Einfluss des Menschen zurückgeführt werden, sagte Mitautorin Veronika Eyring von der Universität Bremen.

„Es ist zweifelsfrei, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land aufgeheizt hat“, heißt es in dem Bericht. Und zwar so stark, wie es seit mindestens 2000 Jahren nicht mehr vorgekommen sei. 2019 war die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren.

Der Weltklimarat nennt auch zwei Horrorentwicklungen, die zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen seien. Zum einen ist das ein Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter bis Ende des Jahrhunderts, je nachdem, wie der Eisschild der Antarktis weiter schmilzt. Zum anderen ist das ein Kollaps der Atlantische Umwälzströmung (AMOC), die schon an Fahrt verloren hat.

Sie verteilt kaltes und warmes Wasser im Atlantik und beeinflusst etwa den für Milliarden Menschen wichtigen Monsun in Afrika und Asien. Ein Zusammenbruch des Systems, zu dem auch der Golfstrom gehört, hätte auch Auswirkungen auf Europa. Es würde viel kälter werden.

Der Schweizer Rhonegletscher in der Nähe des Furkapasses wurde schon mit weißen Planen bedeckt, um sein Abschmelzen zu verringern.   KEYSTONE/dpa/Urs Flueeler

Die globale Mitteltemperatur liegt nach diesem Bericht für den Zeitraum 2011 bis 2020 knapp 1,1 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900). Laut Pariser Klimaabkommen wollen die Staaten die Erderwärmung unter zwei Grad halten, möglichst bei 1,5 Grad. „Wenn wir die Emissionen nicht schnell genug herunterfahren und bis etwa 2050-2070 netto-null erreicht haben, werden wir beide Pariser Klimaziele verfehlen“, sagte Mitautor Douglas Maraun von der Universität Graz.

Der Weltklimarat entwirft fünf Szenarien. Darunter sind zwei, in denen die Welt etwa 2050 Klimaneutralität erreicht und danach mehr CO2 speichert als ausstößt. Nur damit könnte der Anstieg der Mitteltemperatur Ende dieses Jahrhunderts bei 1,8 Grad oder darunter bleiben.

Die wahrscheinlichste Entwicklung: Bis zu 3,5 Grad mehr!

Bei gleichbleibenden Emissionen bis 2050 würde die Temperatur Ende dieses Jahrhunderts um 2,1 bis 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen.

In zwei weiteren Szenarien mit mindestens der Verdoppelung der CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts wäre ein Anstieg der Temperatur um bis 5,7 Grad möglich.

Grafik: dpa

„Wenn man sich anschaut, was die einzelnen Regierungen für den Klimaschutz zugesagt haben, würde man im Moment am ehesten im mittleren Szenario landen“, sagte Notz, also bei den 2,1 bis 3,5 Grad mehr. „Für die Zukunft bleibt aber natürlich unklar, ob die Zusagen eingehalten werden oder ob die Regierungen andererseits ihre Bemühungen noch verstärken werden.“

Die Energie-Agentur der US-Regierung (EIA) hat 2019 berechnet, dass der CO2-Ausstoß wegen der erst beginnenden Industrialisierung vieler Länder bis 2050 von heute im Jahr rund 36 Milliarden Tonnen auf mehr als 42 Milliarden Tonnen wächst. China produziert zur Zeit das meiste Treibhausgas, etwa ein Viertel der Gesamtmenge, vor den USA mit 18 und der EU mit 17 Prozent. Der Anteil der CO2-Emissionen, die in Senken wie Wäldern oder Ozeanen aufgenommen werden und nicht in der Atmosphäre bleiben, liegt nach dem Bericht bei etwa 44 Prozent.

Der Bericht wurde von mehr als 230 Forschern aus 66 Ländern verfasst. Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger wurde von den 195 IPCC-Mitgliedsländern einstimmig abgesegnet. „Die Regierungen sitzen also mit im Boot, keiner kann hinterher sagen: ich habe damit nichts zu tun“, sagte Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Die Klima-Allianz Deutschland hat die kommende Bundesregierung angesichts des neuen Berichts des Weltklimarats zu einem „hohen Tempo“ beim Klimaschutz aufgefordert. Der neue Bericht führe schonungslos vor Augen, dass sich die Klimakrise immer schneller verschärfe, erklärte der Vize-Geschäftsführer Malte Hentschke-Kemper: „Sie Klimakrise ist bereits da und fordert dringend entschiedenes politisches Handeln.“

Um den globalen Temperaturanstieg zu bremsen, müssten in allen Sektoren massiv die Emissionen sinken. „Jedes Zehntelgrad verhinderte Erderhitzung zählt. Um dies zu erreichen, brauchen wir mehr Kompetenz beim Klimaschutz“, so Hentschke-Kemper. Die technischen und ökonomischen Möglichkeiten für wirksame Maßnahmen seien vorhanden, es fehle der politische Wille, sie umzusetzen. „Jetzt braucht es im Bundestagswahlkampf einen sachlichen Wettstreit um das beste Gesamtkonzept. Die neue Bundesregierung wird beim Klimaschutz mit hohem Tempo arbeiten müssen.“

Die Klima-Allianz Deutschland ist ein breites gesellschaftliches Bündnis für den Klimaschutz mit rund 140 Mitgliedsorganisationen aus Umwelt, Kirche, Entwicklung, Bildung, Kultur, Gesundheit, Verbraucherschutz, Jugend und Gewerkschaften.