CDU-Chef Friedrich Merz im deutschen Bundestag.
CDU-Chef Friedrich Merz im deutschen Bundestag. Imago/Christian Spicker

Es ist ein leidiges Thema und Konservative und andere Ewiggestrige bringen es immer gerne an, wenn sich die Welt ihnen gerade wieder ein bisschen zu schnell ändert: Gestern durfte man Schwarze Menschen noch mit dem N-Wort bezeichnen und heute soll das schon nicht mehr gehen? Ganz abgesehen, dass es nie okay war, das Wort zu nutzen, es viele Jahrzehnte aber in der weißen Mehrheitsgesellschaft schlicht niemanden interessierte, ist das wohl das plakativste Beispiel für „Cancel Culture“, einen Begriff, den Konservative längst zum politischen Kampfbegriff gemacht haben – nun auch CDU-Chef Friedrich Merz.

Das bedeutet „Cancel Culture“

Die sogenannte „Cancel Culture“ bezeichnet per Definition die Bestrebung zum Ausschluss von Menschen, denen beleidigende, rassistische, antisemitische, homophobe, klassistische oder andere diskriminierende Aussagen vorgeworfen werden.

Bemüht wird dieser politische Kampfbegriff von Konservativen wie Merz seit einiger Zeit bei jedem kleineren Twitter-Shitstorm gegen einen der ihren. Der einzige wirklich bekannte Fall von vollstreckter „Cancel Culture“ in Deutschland war aber wohl das Verbot des „Oma ist eine Umweltsau“-Songs, bei dem WDR-Intendant Tom Buhrow vor einem von der Bild-Zeitung aufgestachelten Internet-Mob kuschte.

Diesen Fall meinte Merz im Interview mit der Welt aber nicht, als er die „Cancel Culture“ als „größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit“ bezeichnete. Stattdessen führte er den letztendlich durchgeführten(!) Vortrag einer Biologin und Anti-Trans-Aktivistin an der Berliner Humboldt-Uni an.

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Was Merz hier mit seinem Vorstoß macht, ist die eigentliche „Cancel Culture“, nur eben nicht von Links, wie Merz es gerne hätte, sondern aus seinem eigenen rechts-konservativen Lager. Denn indem er „Cancel Culture“ als Gegenspieler zur Meinungsfreiheit positioniert, markiert er jeden gesellschaftlichen Fortschritt, der mit bisher Gewohntem bricht und der von der weißen Mehrheitsgesellschaft ein Nachdenken, ein Umdenken, eine winzige Kraftanstrengung verlangt, als Feindbild, das er mit dem Kampfbegriff „Cancel Culture“ canceln kann. So wird jede Diskussion abgewürgt – und alles bleibt, wie es ist.