Zahlreiche Menschen wollen das 9-Euro-Ticket nutzen. dpa/Stefan Sauer

Ja, die Bilder, die gerade von überfüllten Zügen und Gleisen durch Deutschland geistern sind wirklich ärgerlich. Vor allem für diejenigen, die sich diese Fotos nicht nur ansehen, sondern auf ihnen abgebildet sind, und nicht wie geplant in ihrem Zielort ankommen. Schnell hat das Internet einen Schuldigen gefunden: Das 9-Euro-Ticket. Doch das ist zu kurz gedacht, die Gründe für das Chaos auf manchen Strecken liegen woanders – das Ticket selbst dürfte hingegen Deutschlands größter Freiheits-Boost seit dem Mauerfall sein!

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9-Euro-Ticket: Die Verkehrswende wurde in den letzten Jahren verpennt

Fangen wir erstmal bei den Störungen an: Die gab es in den fünf Tagen, die das 9-Euro-Ticket galt, genauso wie in den Tagen zuvor. Sie wurden nur von mehr Menschen miterlebt – und somit offengelegt. Der Grund liegt nicht daran, dass sich nun mehr Menschen leisten können, mit dem Zug zu verreisen, er liegt viel mehr darin, dass die Verkehrswende in Deutschland über Jahre verpennt wurde.

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Das Bundesverkehrsministerium wird aktuell von FDP-Politiker Volker Wissing geführt, und der scheint die Bahn ebenso für eine pubertäre Spinnerei zu halten, wie seine CSU-Vorgänger Andreas Scheuer, Alexander Dobrindt und Peter Ramsauer. Nur so ist zu erklären, dass man dem Land Berlin aus dem Ministerium heraus den Ausbau der A100 aufdrücken will und damit Millionen verpulvert, die dort fehlen, wo sie wirklich gebraucht werden: Bei der Instandhaltung von Gleisen und Zügen, bei dem Ausbau des Nah- und Regionalverkehrs in ländlichen Regionen, bei der Erhöhung des Takts auf viel genutzten Strecken.

Das 9-Euro-Ticket verschafft vielen Menschen Freiheit

Wäre all das nicht verschlafen worden, würde das 9-Euro-Ticket noch viel mehr Menschen nutzen und weniger Chaos sichtbar machen. Doch auch jetzt schon ist es für viele Menschen in Deutschland ein echter Freiheits-Boos, womöglich der größte seit dem Mauerfall. Denn man muss sich nur einmal unterhalten oder auf Twitter umschauen, um die Menschen zu finden, die ganz neu am Leben teilhaben können.

Kampf um die Plätze im Berliner Hauptbahnhof. Viele Züge sind überfüllt. dpa/Monika Skolimowska

Am Späti berichtet eine Frau, die nun jeden Monat 60 Euro für ihr Monatsticket spart, davon, sich endlich mal wieder einen Friseurbesuch mit Färben leisten zu können, ein dabeistehender Mann hat bereits ein Spielzeug für den Enkel im Auge.

Das 9-Euro-Ticket zeigt Menschen neue Orte

Im Netz berichtet eine Frau von ihrem ersten Ausflug seit Jahren, der sie aus ihrem Dorf mit einem (zugegeben nicht sonderlich oft fahrenden) Bus und zwei Regionalbahnen in die nächstgrößere Stadt brachte und ihr dort und auf dem Weg neue Orte zeigte. Andere berichten andersherum von Ausflügen aufs Land mit der Familie, die zuvor nicht annähern finanziell stemmbar waren. Nun ist es leichter.

Das 9-Euro-Ticket ermöglicht Menschen die Teilhabe am öffentlichen Leben, die selbst schon gar nicht mehr damit gerechnet haben. Sie erleben eine ganz neue Freiheit, die sie aufgrund ihrer Armut in einem reichen und teuren Land wie Deutschland trotz aller Beteuerungen im Grundgesetz nie wahrnehmen konnten. Allein dafür hat sich das 9-Euro-Ticket gelohnt.

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Auf alle armen Menschen in Deutschland trifft das leider nicht zu. Schließlich sind auch 9 Euro im Monat angesichts steigender Preise nicht nichts. Und in ländlichen Regionen haben nicht alle Menschen Zeit, auf den einen Bus am Tag zu warten. Doch das – das hatten wir ja bereits oben – liegt eben an der verschlafenen Verkehrswende.