Der türkische Landwirt Ata Yigit erwartet mit Fertigstellung eines Staudamms bessere Ernten.
Der türkische Landwirt Ata Yigit erwartet mit Fertigstellung eines Staudamms bessere Ernten. AP/Khalil Hamra

Der große Wasser- und Strombedarf der Türkei lässt einstmals gut bewässerte Gebiete im Irak austrocknen. Auch das Bürgerkriegsland Syrien ist voller Sorge, dass der Wasser-Nachschub von Norden her immer geringer wird. In dem ohnehin krisengeschüttelten Zweistromland von Euphrat und Tigris drohen Konflikte um das dringend benötigte Nass.

Das Problem zeigt sich an zwei tausend Kilometer voneinander entfernten Orten und zwei Landwirten. Ata Yigit freut sich schon, wenn ein neuer Euphrat-Damm im Südosten der Türkei 2023 fertig sein wird, Wasser über bereits verlegte Rohre auf seine Felder strömen wird. 

Bei Obeid Hafes ganz im Süden des Irak dagegen, wo Euphrat und Tigris zum Schatt al-Arab zusammenfließen, wächst schon jetzt kein Weizen mehr. Seit einem Jahr komme kein Wasser mehr, sagt der alte Mann bedrückt. „Das letzte Mal, als wir ansäten, wurde es grün, und dann starb plötzlich alles ab.“

Der Ilisu-Damm in der türkischen Provinz Mardin: Hier wird der Tigris zur Stromerzeugung genutzt.
Der Ilisu-Damm in der türkischen Provinz Mardin: Hier wird der Tigris zur Stromerzeugung genutzt. AP/Kahlil Hamra

Insgesamt ist in den vergangenen 40 Jahren die Menge des Flusswassers um 40 Prozent zurückgegangen, und die Aussichten sind trüb: Aufgrund der Klimakrise wird mit einem noch stärkeren Rückgang der Wassermengen gerechnet.

Das Wasser zweier Flüsse für 60 Millionen Menschen

Rund 60 Millionen Menschen sind auf das Wasser von Tigris und Euphrat angewiesen. Türkei und Irak als größte Verbraucher fanden bislang keine Einigung. In der Türkei ist das Flussgebiet mit einem massiven Projekt zur Förderung der Landwirtschaft und zur Erzeugung von Strom aus Wasserkraft nutzbar gemacht worden. Für ihr Südostanatolien-Projekt (GAP) hat die Türkei bereits an die 20 Staudämme an Euphrat und Tigris gebaut, zwei weitere sind geplant.

Für den Landwirt Yigit bringt das den Fortschritt. Weil er bisher auf Brunnenwasser angewiesen war, konnte er nur einen Teil seines Landes bewässern. Im kommenden Jahr kann er auf die Versorgung über den Atatürk-Damm am Euphrat zählen.

Türkische Landwirte, die von GAP profitieren, müssen zwar moderne, sparsame Bewässerungstechniken nutzen. Dennoch wird der Gesamtverbrauch steigen.  Der Irak aber ist bei seiner Wasserversorgung fast vollständig auf Tigris und Euphrat und auf Nebenflüsse angewiesen, deren Quellen ebenfalls außerhalb des Landes liegen.

Das war mal Sumpf: Ein Fischer geht über die ausgetrocknete Landschaft im Süden des Irak.
Das war mal Sumpf: Ein Fischer geht über die ausgetrocknete Landschaft im Süden des Irak. AP/Anmar Khalil

Schon  2014 hatte das irakische Wasserministeriums herausgefunden, dass das inländische Wasserangebot in zwei Jahren bereits die Nachfrage nicht mehr decken könne. Bis 2035 werde das immer weiter wachsende Defizit zu einem Rückgang der Nahrungsmittelproduktion um ein Fünftel führen.

Ernten fallen aus und Seen verschwinden

Heute zeigt sich, dass sich die düsteren Prognosen bewahrheiten. Ausgetrocknete Seen und ausgefallene Ernten künden von dem Wassermangel, der sich eben auch mit sinkenden Ständen von Tigris und Euphrat bemerkbar macht. In seiner Not plant der Irak selber einen Tigris-Damm, um Wasserreserven anstauen zu können.

Ein Sandsturm fegt über den Schatt al-Arab kurz vor der Einmündung in den Persischen Golf.
Ein Sandsturm fegt über den Schatt al-Arab kurz vor der Einmündung in den Persischen Golf. AP/Nabil Al-Jurani

In jahrzehntelangen Gesprächen mit der Türkei aber konnte sich der Irak aber nicht über festgeschriebene Wasserrechte und -anteile einigen. Der  verantwortliche türkische Gesandte Veysel Eroglu sagte, die Türkei könne die Freigabe einer festen Wassermenge nicht akzeptieren, denn das Volumen sei im Zeitalter des Klimawandels nicht berechenbar. Eine Quote sei denkbar, sagt Eroglu. Aber nur, wenn Syrien und der Irak genaue Daten zu ihrem Wasserverbrauch vorlegten.

Im Kriegsland Syrien hat die Türkei indes derzeit keinen Gesprächspartner in der Frage. Und mit Blick auf den Irak kritisiert die Türkei, dass die Ansprechpartner ständig wechselten.

Landflucht im Süden des Irak, weil Wasser knapp ist

Ankara hat den Irak  dazu aufgerufen, Wasser effizienter zu nutzen. Das  kommt dort nicht gut an. „Manchmal fragen sie uns, warum der Irak Reis anbaut“, sagt Mahdi Hamdani, bis zum Oktober irakischer Verhandlungspartner. „Ich frage sie: Warum baut ihr Baumwolle an? Und sie sagen, das sei ein Teil ihrer Geschichte, ihrer Zivilisation. Und ich sage ihnen, ja, wir haben auch unsere Geschichte, unsere Zivilisation.“

Die Wasserknappheit im Irak sorgt derweil für Spannungen und Verteilungskämpfe. „Wir haben Angst, dass im Zentral- und Südirak ein Konflikt wegen der Wasserknappheit ausbricht“, sagt Issa Fajad aus dem Umweltministerium.  Vieh verdurstet, die Ernten sind das zweite Jahr in Folge rückläufig. Mehr als 60.000 Bewohner des südlichen Zentraliraks sind nach UN-Angaben vom September schon in die Städte abgewandert.

Ein Süßwasserfisch ist tot: Salzwasser dringt weit ins Land, weil zu wenig Wasser aus Euphrat und Tigris in den Irak gelangt.
Ein Süßwasserfisch ist tot: Salzwasser dringt weit ins Land, weil zu wenig Wasser aus Euphrat und Tigris in den Irak gelangt. AP/Anmar Khalil

In den Sumpfgebieten am Schatt al-Arab dringt salziges Meerwasser vor, weil zu wenig Flusswasser ankommt.  Wasserbüffel sterben, weil sie viel zu salziges Wasser trinken. Hirten durchstreifen das einstige Feuchtgebiet auf der Suche nach trinkbarem Wasser für ihre Tiere.