Premier Boris Johnson führt Großbritannien in die Normalität, andere Landesteile bleiben dagegen vorsichtig. dpa/Tayfun Salci

Boris Johnson liebt den großen Knall. Daher ist es wohl keine Überraschung, dass der britische Premier zum 19. Juli mit einem Schlag fast alle verbliebenen Corona-Regeln abschafft. Farewell, Maskenpflicht! Good bye, Abstandsregeln! Und hello, volle Pubs und Nachtclubs! Zwar bittet der Regierungschef mit Nachdruck darum, doch weiterhin Masken zu tragen und digitale Impfnachweise als Einlassgrundlage für Discos und Co. zu nutzen. Staatlich vorgeschrieben ist das aber nicht, die Verantwortung schiebt der Premier auf jeden Einzelnen ab.

„Masken-Chaos“ programmiert

Experten und Gewerkschaften befürchten ein „Masken-Chaos“ im größten britischen Landesteil. In Zügen, Geschäften und Kinos sind Mund-Nasen-Bedeckungen nicht mehr vorgeschrieben. Veranstalter und Transportfirmen wollen nicht mehr auf das Tragen bestehen. Ohne Masken haben sie mehr Gäste und machen mehr Umsatz.

Kritik an seinen Plänen lässt Johnson nicht gelten. Allen sei klar, wie sie es künftig mit Masken halten sollen, sagt der Regierungschef. „Masken wegwerfen oder weiter tragen? Die Anleitung der Regierung trägt wenig dazu bei, die Verwirrung zu zerstreuen“, kritisiert dagegen Roger Barker vom Führungskräfte-Verband Institute of Directors die fehlenden Leitlinien. Die Gewerkschaft TUC warnt vor einem „Rezept für Chaos und steigende Infektionen“.

Bei der EM feierten Zehntausende ohne Maske im Wembleystadion.     Christian Charisius/dpa

„Tag der Freiheit“ trotz steigender Corona-Zahlen

Als „Freedom Day“ – Tag der Freiheit – dagegen feiert die Johnson-nahe konservative Presse diesen Moment, der eigentlich schon für den 19. Juni geplant, aber wegen der Ausbreitung der Delta-Variante um einen Monat verschoben worden war. Zu Vorkämpfern für Freiheitsrechte und gegen staatliche Eingriffe stilisieren sich Johnsons Tories und ihr Parteiführer gerne.

Der Premier gibt sich betont optimistisch, auch wenn er selbst als Kontaktperson eines Infizierten ausgerechnet am Tag der Freiheit in Quarantäne muss. Das Schlimmste der Pandemie liege hinter dem Land, sagt Johnson. Doch am selben Tag meldet die Regierung fast 50.000 Neuinfektionen – es ist der höchste Tageswert seit einem halben Jahr. Die Zahl der Fälle ist in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche um 43 Prozent gestiegen. Auch die Krankenhauseinweisungen nehmen wieder zu. Ihre Klinik habe die Corona-Intensivstation nach zwei Monaten wieder öffnen müssen, schreibt die Ärztin Caroline Bullen auf Twitter.

Kritiker werfen Johnson und seiner Regierung vor, kurz nach der Fußball-EM mit Zehntausenden Fans im Stadion sehenden Auges in eine Katastrophe zu steuern. Mehr als 1200 Experten, Mediziner und Wissenschaftler fordern in einem offenen Brief eine Verschiebung der Lockerungen. Vor allem junge Leute, die erst eine Impfdosis erhalten haben, und Menschen mit chronischen Krankheiten seien in Gefahr. Millionen könnten langfristig an Covid-19 erkranken.

Regierung rechnet mit 200 Corona-Toten täglich

Dass die Zahl der Neuinfektionen weiter klettern wird, bezweifelt die Regierung gar nicht. Ganz im Gegenteil: Gesundheitsminister Sajid Javid hält bis zu 100.000 neue Fälle täglich für absolut realistisch. Das wissenschaftliche Expertengremium Sage erwartet mindestens 1000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Corona-Tote täglich. Doch Johnson sieht die Zeit für gekommen, das Land Richtung Normalität zu führen.

In Kraft lassen will die Regierung allerdings das Nachverfolgungs-Programm, das sie vor gut einem Jahr für Dutzende Milliarden Pfund aufbauen ließ. Dazu gehört auch eine Corona-Warnapp: In der vergangenen Woche forderte sie mehr als 520.000 Nutzer auf, sich wegen engen Kontakts mit einem positiv Getesteten selbst zu isolieren – fast 50 Prozent mehr als in der Vorwoche.

Die Regierung zeigt sich besorgt. Doch nicht wegen der Vielzahl potenzieller Fälle. Man müsse sich Gedanken machen, wie die App „verhältnismäßiger“ reagieren könne, meint Kabinettsmitglied Robert Jenrick. Auch viele Abgeordnete sollen die App bereits gelöscht haben, um nicht in Quarantäne zu müssen...