Menschen in systemrelevanten Berufen sind verzweifelt. Foto: dpa

Berlin – Allabendlich wird für die Helden der Corona-Krise geklatscht – doch medizinisches Personal und Supermarkt- Mitarbeiter wollen nicht wie Helden behandelt werden, sondern einfach fair und gerecht. Erst am Sonntag berichtete KURIER über die Krankenschwester Nina Böhmer, die mit einem Wut-Appell auf Facebook Aufsehen erregte. Mit ihrer Verzweiflung ist sie nicht allein.

Böhmer beklagt in ihrem Post unter anderem eine Empfehlung des Robert-Koch-Instituts – darin ging es um die Lockerung derQuarantäne-Regeln für medizinisches Personal. Heißt: Alle werden nach Kontakt mit Covid-19-Erkrankten in Quarantäne geschickt, nur die Mitarbeiter von Kliniken und Arztpraxen müssen ran. Böhmer schreibt dazu: „Wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt?“

Ihr Beispiel zeigt:Das Internet wird zum Kummerkasten der Corona-Helden. Auch Intensiv- Pfleger Ricardo Lange erreichte mit seinen Facebook-Posts Tausende. „Seit Jahren wird dasGesundheitssystem kaputt gespart und das Personal verheizt“, schreibt er. „Die Worte Freizeit und Familie kennen viele schon gar nicht mehr. Jetzt, seit der Corona-Krise, werden wir beklatscht und bejubelt. Aber soll ich euch etwas sagen? Es juckt mich einen Scheiß.“Was bringe derApplaus,wenn sich für Menschen in seinemBeruf nichts ändert? „Es wird ausgenutzt, dass wir nicht streiken können, da hier sonst Menschen sterben.“

Er appelliert auch an die Bevölkerung – sie sollen beispielsweise auf Hamsterkäufe verzichten. „Wenn meine Kollegen und ich nach der Schicht heimfahren und einkaufen wollen, ist alles leer. Dann rennt man von Supermarkt zu Supermarkt, um wenigstens die wichtigstenDinge zu bekommen. Es wurde sogar schon auf der Station Toilettenpapier gegen Gemüse getauscht. Kein Witz!“ Lange fordert jeden Einzelnen dazu auf, auch nach der Krise zum medizinischen Personal zu halten. „Und die Regierung fordere ich auf: Handelt endlich, statt wie immer nur rumzuschwafeln.“

Mit einer Wut-Rede machte auch Pflegerin Ivy Bierwolf auf Facebook auf sichaufmerksam– bei ihr geht es um das Verhalten von Patienten und Angehörigen. „Bei mir im Krankenhaus werden seit Tagen Desinfektionsmittel, und das inklusive Wandhalterungen, geklaut. Wisst ihr, was das für Konsequenzen hat? Besuche werden auf das Minimum reduziert, damit wir wieder unserer Arbeit,nämlich dem Retten von Menschenleben, nachgehen können!“

Eine Krankenschwester, die auf Twitter als „Krambergskaetzchen“ schreibt,wendet sich an Gesundheitsminister Jens Spahn. „Wir reißen uns den Arsch auf! Und dabei tragen wir diesen billigen Papiermundschutz. Wovon wir gönnerhaft einen pro Tag haben dürfen.“ Zu wenige Pflegekräfte hätten zu viele Patienten zu betreuen. „Covid- 19 wird mir sehr deutlich zeigen, was ich tun werde, wenn diese Krise überstanden ist. Ich werde nie wieder SO arbeiten.“

Ein anderer Berufszweig, der unter Dauerstress steht, ist der Lebensmittelhandel.Wie es den Menschen, die in den Supermärkten an der Kasse sitzen, geht? Das verrät die Frau eines Einzelhandels-Mitarbeiters auf Twitter. Niemand sehe die Menschen, nur noch ihre Funktion. „Würde man fragen, erführe man von Ehepartnern in Risikogruppen, Kindern, die nachts wieder einnässen.“ Die, die hinter den Kassen sitzen, schlucken morgens ihre Angst vor dem Virus hinunter, um zu arbeiten. „Weil sie das Geld brauchen. Wenn ihr Danke sagen wollt: Zeigt ein bisschen Respekt.“

Auch die, die dafür sorgen, dass die Regale wieder aufgefüllt werden, trifft es hart: Eine Frau, deren Ehemann als Lkw- Fahrer arbeitet, schreibt auf Twitter, er brauche derzeit auf keinem Rasthof mehr anhalten. „Denn es gibt niemanden mehr, der sich um die Sauberkeit der Toiletten schert.“ Viele seien nicht mehr nutzbar. Zudem seien Duschen geschlossen. „Wo sollen die Menschen, die Nachschub für unsere Supermarktregale bringen, sich säubern?“ Die schwierigen Umstände machen es vielen Lkw-Fahrern derzeit schwer. „Ich finde die Situation äußerst unmenschlich.“