Droht Deutschland der zweite Knallhart-Lockdown Foto: imago images

Hat der Lockdown Light nichts gebracht? Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Freitagmorgen 23.648 Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Ein neue Höchststand. "Viel zu hoch" ordnet RKI-Chef Lothar Wieler die Zahlen schon am Donnerstag ein. Zwar hätten sich die Zahlen auf "auf einem hohen Niveau stabilisiert", aber von der erhofften Trendwende ist auch in der dritten Lockdown-Woche nichts zu sehen.

Besonders besorgniserregend: Die Zahl der auf Intensivstationen behandelten Corona-Patienten steigt und steigt, liegt mit 3561 so hoch wie nie. Dem Meldedaten des sogenannten Divi-Intensivregisters zufolge hat sich die Zahl seit Anfang Oktober fast verzehnfacht! Am 1. Oktober waren 362 Fälle gemeldet. "Durch die hohen Fallzahlen ist es möglich, dass manche Kliniken an ihre Grenzen kommen", warnt Wieler.

Teststrategie verändert - Corona-Kranke ohne Symptome werden kaum noch erfasst

Mehr noch: Die tatsächlichen Corona-Fallzahlen könnten noch weit höher liegen, denn seit vergangener Woche haben die Gesundheitsämter die Teststrategie radikal geändert: Es wird deutlich weniger getestet, dafür werden aber gezielt Menschen mit Symptomen getestet. Mögliche Corona-Infizierte ohne Symptome, die Andere anstecken könnten, werden also kaum noch erfasst. Mögliche Folge: Die Corona-Dunkelziffer steigt an.

Eigentlich hatten Virologen erwartet, dass der Lockdown zusammen mit der veränderten Teststrategie zu einem deutlichen Rückgang der Infektionszahlen führen würde.  So sagte der Bonner Virologe Hendrick Streeck am Dienstag, durch die veränderte Teststrategie „würde man wahrscheinlich bereits einen Rückgang der Neuinfektionszahlen erwarten, wenn diese Testempfehlungen sich durchgesetzt haben“.

Das Gegenteil ist der Fall: Nachdem die Zahlen in den ersten Tagen dieser Woche im Vergleich zur Vorwoche leicht gesunken waren, steigen sie nun wieder an. Beim RKI sieht man es zwar bereits als Erfolg, dass die Zahlen auf hohem Niveau nicht weiter exponentiell in die Höhe schießen. Langsam könnte man "sehen, dass die strengeren Maßnahmen greifen", so die Leiterin des Corona-Lagezentrums im RKI, die Medizinerin Ute Rexroth.

Amtsärztin fordert „einen Monat komplette Ausgangssperren“.

Doch bei den Gesundheitsämtern wird die Lage nicht schöngeredet - so fordert Amtsärztin Alexandra Barth bereits „einen Monat komplette Ausgangssperren“. Am Montag konnte sich die Bundesregierung nicht gegen die Landeschefs mit Forderungen durchsetzen, private Kontakte noch weiter zu beschränken und den Lockdown auf weitere Bereiche auszuweiten. Doch am Mittwoch kommender Woche wird erneut beraten.

Im Fokus steht die Lage in Schulen, aber auch weitere Verschärfungen stehen möglicherweise an. Was dagegen derzeit niemand annimmt: dass der Lockdown Ende November einfach aufgehoben würde. Lockerungen geben die Zahlen bislang nicht her -das haben mehrere Länderchefs und Gesundheitsminister Spahn klargemacht. 

Was uns im Falle von Lockerungen bevorstünde, beschreibt der Direktor der Intensivmedizin am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE), Stefan Kluge. Er warnt schon jetzt vor einer dritten Corona-Welle. "Wir werden einen Jojo-Effekt sehen, wenn die Zahlen jetzt runtergehen und es nach und nach Lockerungen gibt." Kluge rechnet damit, dass wir uns noch über Monate disziplinieren müssen.