Der bayerische Landkreis Miesbach ist derzeit einer der vom Coronavirus am stärksten betroffenen Landkreise in Deutschland.  dpa/Peter Kneffel

In ganz Deutschland explodieren die Fallzahlen, doch nirgends gibt es so viele Corona-Fälle wie in Thüringen, Sachsen und Bayern. Erreichte die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz am Freitag den traurigen Rekord von 169,9, lag sie in Thüringen mit 386,9 mehr als doppelt so hoch. Sachsen war fast gleich auf mit 385,7, danach Bayern mit 256,8. In etlichen Landkreisen der drei Länder liegt der Wert über 500, im oberbayrischen Landkreis Miesbach sogar über 700.

Die drei Länder wollen mit verschärften Regeln für Ungeimpfte das Ruder herumreißen – ein Vorgeschmack auf das, was bundesweit kommen könnte. Die Gesundheitsminister der Länder einigten sich am Freitag darauf, für den Zugang zu Restaurants und Veranstaltungen zumindest 3G durchzusetzen – also nur Geimpfte, Genesene und Getestete einzulassen.

Sachsen droht mit Lockdown

In Regionen mit besonders hoher Infektionszahl und vollen Kliniken soll zudem 2G „eine regelhafte Option“ sein, formulierte es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dann öffnen sich viele Türen nur noch für Genesene und Geimpfte, ein Test nützt nichts. Genau das will Sachsen ab kommender Woche einführen – und zwar, um Schlimmeres zu vermeiden. „Wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen, endet das wie im vergangenen Jahr in einem Lockdown“, warnte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im Deutschlandfunk.

Über die Gründe für die dramatische Welle in seinem Land wollte Kretschmer nicht mehr so viel reden. Aber für Experten sind die Zusammenhänge klar. Niedrige Impfquote bedeutet hohe Infektionsrate. Sachsen ist beim Impfen Schlusslicht: 57 Prozent der Bevölkerung waren Stand Freitag voll geimpft, im Vergleich zu 67 Prozent bundesweit. Thüringen lag mit 60,9 Prozent ebenfalls unterm Schnitt, ebenso wie Bayern mit 64,9 Prozent.

Ursache der hohen Infektionszahlen unklar

Das ist nicht der einzige Erkläransatz. Bei früheren Corona-Wellen wurde vermutet, dass der hohe Altersdurchschnitt in Sachsen und Thüringen eine Rolle spielen könnte, ebenso die ländlichen Strukturen, engeren Familienbande, die gesellige Vereinskultur, der Grenzverkehr. In Bayern etwa ist vor allem das Grenzgebiet zu Österreich hart getroffen.

Rätselhaft bleibt oft auch für die Behörden, wo sich so viele Menschen mit Corona anstecken. „Das Infektionsgeschehen ist diffus“, heißt es schlicht aus dem Landratsamt im Hotspot Miesbach. Kontrollieren könne man das nicht mehr, die Zahlen stiegen exponentiell. Kontakte würden nicht mehr nachverfolgt, auch Quarantäne-Anordnungen nicht mehr überprüft.

Bayern verschärft Corona-Regeln

Nachdem schon mehrere Kommunen in Südostbayern die Corona-Regeln regional verschärft hatten, gelten ab dem Wochenende in ganz Bayern für Hotspots mit einer Inzidenz von mehr als 300 und einer Auslastung der Intensivstationen von 80 Prozent die schärfsten Regeln der Corona-Ampel im Freistaat. Vieles ist dann nur für Geimpfte und Genesene zugänglich. Ausgenommen sind Gastronomie und körpernahe Dienstleister wie Friseure, wo auch ein negativer PCR-Test reicht, sowie öffentlicher Nahverkehr und Handel. Bayernweit müssen Schüler nach den Herbstferien wieder Masken tragen.

Thüringen versucht ebenfalls, die Zügel zu straffen, wenn auch etwas weniger strikt als Sachsen. Die thüringische Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) setzt auf 3G und somit auf Einschränkungen für Ungeimpfte, zumal sich auch die Lage in den Kliniken des Landes zuspitzt. In Pflegeheimen will sie die Testpflicht für Beschäftigte ausweiten. Und wie in allen Ländern sollen Auffrischungsimpfungen sechs Monate nach der ersten Immunisierung die Corona-Welle abschwächen.

Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz hält das für richtig, denn auch Geimpfte sollten sich nicht allzu sicher fühlen. Der Impfschutz nehme nach sechs Monaten deutlich ab, am schnellsten bei älteren Menschen. Deshalb bräuchten Menschen über 70 Jahre jetzt dringend einen „Booster“, und auch für alle anderen sei eine solche Auffrischung sinnvoll. „Ich verstehe nicht so ganz, dass man da so lange zögert“, sagt Scholz. „Das ist jetzt wirklich höchste Eisenbahn.“