Forscher stehen im Rampenlicht wie selten zuvor – hier in Thailand bei der Präsentation eines Impfstoff-Kandidaten. Foto: AFP/Mladen Antonov

Misstrauen hat sich breit gemacht. Gegen „die Wissenschaft“. Nicht wenige Menschen sagen: Wissenschaftler hätten bei Corona überreagiert, Angst geschürt, die Politik falsch beraten, die dann übertriebene Maßnahmen einleitete. Sogar bei Grippewellen mit Zehntausenden Toten sei nie so reagiert worden! Sars-CoV-2 sei gar kein Killervirus, die Ausbreitung viel geringer als man prognostiziert hatte.

Dazu muss man sagen: Echte Wissenschaft kann immer nur von den Daten ausgehen, die sie hat. Anderenfalls wäre es Wahrsagerei. Noch bevor die Pandemie begann, gab es erste Erkenntnisse aus China, dem Ursprungsland von Sars-CoV-2.

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Man konnte genetisch nachweisen, dass es sich um ein neuartiges, beim Menschen erstmalig auftretendes Coronavirus handelte. Solch ein Virus hat den Hang, sich ungebremst in einer weitgehend ungeschützten Bevölkerung auszubreiten. Es verhält sich also pandemisch. Dies unterscheidet es zum Beispiel von saisonalen Grippeviren, gegen die es mehr oder weniger passende Impfstoffe und auch früher erworbene Teil-Immunitäten gibt.

Studie: Vier von fünf Krankheitsfälle mit mildem Verlauf

Chinesische Studien ergaben bald, dass vier von fünf Fälle der Krankheit Covid-19 mild verliefen, 15 Prozent aber schwer. Die Todesrate vor Ort war etwa zehn Mal so hoch wie bei Grippe. Ein Infizierter steckte möglicherweise zwei bis drei Leute an. Epidemiologen modellierten daraufhin, welche Folgen eine ungebremste pandemische Ausbreitung des Virus haben könnte.

Die Politik kam zu dem Schluss, dass es ein verheerendes Experiment wäre, die Sache einfach laufen zu lassen. Bei den Kontaktsperre-Maßnahmen ging es darum, einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems bei steil ansteigenden Kurven zu verhindern. Und so wurde es auch begründet.

Es stimmt: Die Entwicklung in Deutschland ist bisher wesentlich günstiger verlaufen als etwa in den USA, in Italien, Spanien, Großbritannien und Frankreich mit zusammen 225.000 Toten, wie das Corona-Team der Johns Hopkins University vorrechnet. Solche Zahlen werden übrigens von manchen selbsternannten Corona-Experten gern übersehen, wenn sie von „sinnloser Panikmache“ der letzten Monate sprechen.

Ein Ökonom aus Hannover hatte zum Beispiel nach dem Blick auf Kurvenverläufe in verschiedenen Ländern der Welt geschlussfolgert, dass die Epidemien immer gleich verliefen, ob man etwas dagegen mache oder nicht. Am 15. Mai widerlegte ihn eine Studie im Fachjournal Science. Sie zeigte am Beispiel von Deutschland, dass die staatlichen Maßnahmen – Absage von Großveranstaltungen, Schul- und Geschäftsschließungen sowie Kontaktverbote – einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung der Infektionszahlen hatten.

Bisher nie dagewesener Einfluss der Wissenschaft

„Wir fanden eine deutliche Verringerung der Ausbreitungsrate bei jeder staatlichen Intervention und der damit einhergehenden Anpassung des individuellen Verhaltens“, schrieben die Forscher. Die Ergebnisse zeigten, „dass das volle Ausmaß der Interventionen notwendig war, um das exponentielle Wachstum zu stoppen“. Die sieben beteiligten Forscher stammen aus mehreren Instituten, die sich mit Netzwerken und der Dynamik komplexer Systeme befassen.

Wissenschaftler haben in der Corona-Krise einen bisher nie dagewesenen Status erreicht. Ihre Aussagen und Studien beeinflussen politische Maßnahmen in die eine und andere Richtung – und damit die Schicksale und wirtschaftliche Existenz von Menschen. Dennoch sind und bleiben sie Wissenschaftler, sind weder Wahrsager noch entscheiden sie, was politisch passiert.

In welche Situation sie dennoch geraten können, zeigte der Erwartungsdruck rund um die sogenannte Heinsberg-Studie von Forschern um den Bonner Virologen Hendrick Streeck, die in Nordrhein-Westfalen von der Politik gefördert und dann medienwirksam inszeniert wurde, um eine Lockerung der Corona-Maßnahmen zu begründen.

Ein anderes Beispiel ist der Druck, der zurzeit auf den Forschern liegt, was die Frage betrifft, wie weit Grundschulen und Kitas in den einzelnen Ländern wieder geöffnet werden sollten. Ein Team um den Berliner Virologen Christian Drosten hatte bei Kindern „sehr hohe Viruslasten“ im Rachen gemessen, dabei aber recht grobe statistische Methoden verwendet. Dies geschah bewusst, wie Drosten sagte, um erste Werte zu erhalten. Anhand eines Preprints – einer Vorveröffentlichung der Studie – wurden diese Methoden von Statistikern kritisiert.

Drosten massiver Kritik ausgesetzt

Zu recht. Drosten selbst sagte, man müsse mit den eigenen Daten „wirklich sehr vorsichtig und sehr kritisch umgehen“. Die Kritiken wurden gesammelt, eingearbeitet, die Studie verbessert. Sie soll nun offiziell bei einem Fachjournal eingesandt werden. Laut Drosten hat sich der ursprüngliche Befund sogar noch erhärtet. Im Kontrast dazu stehen andere Studien. Im Ärzteblatt etwa führten Forscher aus, dass Kinder eine geringere Rolle bei der Übertragung von Sars-CoV-2 spielen als bislang vermutet. Dafür wurden internationale Studien und Erfahrungen ausgewertet.

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Dass Studien zu verschiedenen Ergebnisse kommen, ist normal. Das hängt davon ab, was man genau untersucht, welche Frage man beantworten will, welche Methoden man nutzt und vor allem auch, wie man die Ergebnisse interpretiert. Auch der Streit darum ist normal – ein Prozess, mit dem sich Laien meist nicht beschäftigen. Viele Leute in Deutschland erfahren zum ersten Mal, wie Wissenschaft funktioniert. Andere interssiert das nicht. Sie greifen Forscher massiv an, weil sie angeblich die Drahtzieher hinter der „Corona-Diktatur“ sind. Das geht bis hin zu Morddrohungen, wie sie auch Christian Drosten bereits erhalten hat

Was auch immer zurzeit behauptet wird: Auch den Verlauf der aktuellen Pandemie kann niemand vorhersagen. Unzählige Studien laufen. Viele Fragen sind noch offen, etwa: Wie lange hält eine Immunität gegen Corona vor? Sind bestimmte Teile der Bevölkerung möglicherweise durch eine Kreuz-Immunität gegen andere Coronaviren geschützt? Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den Infektionen wirklich – und wie hoch damit die Sterberate (Letalität)? Gibt es eine Saisonalität?

Konkret gefragt: Zieht sich das Virus im Frühjahr und Sommer generell zurück, um dann im Herbst/Winter zurückzukehren – als eine Art zweiter Welle? Macht es bis dahin gefährliche Mutationen durch? Das weiß niemand.

Gerade erst deuten Untersuchungen darauf hin, dass wohl Aerosole – feinste Schwebeteilchen, die sich lange in der Luft geschlossener Räume halten – eine wichtige Rolle bei der Übertragung spielen. Das könnte die jüngst gemeldeten Ausbrüche in Chören, Kirchen und Restaurants erklären.

Corona weniger Lungen- als Systemkrankheit

Panik ist fehl am Platz. Aber es stimmt auch nicht, was jüngst ein Kritiker auf einer Demo über das Coronavirus generell behauptete: „Die Sache ist nicht gefährlich“. Mediziner lernen nämlich auch die Krankheit Covid-19 gerade erst kennen. Dabei wird immer klarer, dass es keine reine Lungenkrankheit ist, sondern eine Systemerkrankung. Die Rede ist bereits von einem „Multiorganvirus“.

In einer neuen Studie sprechen Forscher von Entzündungen, die „Abstoßungsreaktionen nach einer Organtransplantation“ ähnelten und die Gefäße schädigten. Studien zeigen, dass das Virus neben der Lunge auch Nieren, Herz, Leber, Gehirn und Nervensystem in Mitleidenschaft ziehen kann. Nicht nur Alte und Vorerkrankte können davon betroffen sein, sondern auch Jüngere. Sogar milde Verläufe zögen mitunter langwierige Folgesymptome nach sich, erklärten Forscher nach der Auswertung von Krankheitsverläufen bei Briten und Amerikanern. Etwa einer von 20 Patienten sei davon betroffen.

All dies spricht noch einmal gegen die Idee einer „Durchseuchung“ der Bevölkerung, die mancher anfangs vertreten hatte. Und die zum Glück verworfen wurde - nach dem Rat von Virologen und Epidemiologen. Und es bekräftigt die wichtige Rolle der Wissenschaft, mit deren Hilfe wir alle durch diese schwierige Zeit navigieren.