Großbritanniens Premier Boris Johnson wiegelt die Vorwürfe der Opposition im Parlament ab. AFP/Jessica Taylor

Die Corona-Zahlen in Großbritannien drohen außer Kontrolle zu geraten: Mit mehr als 32.500 neuen Corona-Fällen an einem Tag hat das Land den höchsten Tageswert seit Januar verzeichnet. Zum Vergleich: Die jetzigen Zahlen in Großbritannien entsprechen dem höchsten Tageswert, den Deutschland am 14. April erreichte, bevor sie danach kontinuierlich sanken. Zuletzt wurden in Deutschland 429 Neuinfektionen festgestellt.

Das alleine wäre nicht das Problem, denn mit hohen Infektionszahlen war in Großbritannien gerechnet worden. Das Kalkül der britischen Regierung lautete aber, dass durch die hohe Impfrate der Bevölkerung schwere Verläufe weitestgehend erspart bleiben. Und nun das: Auch die Todesfälle und die Krankenhauseinweisungen nach Corona-Infektionen sind in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche jeweils um mehr als 40 Prozent angestiegen, wie aus den am Mittwoch veröffentlichten Daten hervorgeht. Grund ist die Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante, die für fast alle Corona-Fälle im Vereinigten Königreich verantwortlich ist. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Menschen in einer Woche, stieg auf 256,2. In Deutschland liegt dieser Wert bei 5.

Johnsons Strategie: Mehr testen als isolieren

Der britische Premierminister Boris Johnson will dennoch am 19. Juli alle Corona-Regeln aufheben. Am Mittwoch stellte sich der Regierungschef einem Parlamentsausschuss, dabei wich Johnson vielen Fragen der Abgeordneten aus. Angesprochen auf die Ankündigung, dass sich vom 16. August an Kontakte von Corona-Infizierten nicht mehr tagelang selbst isolieren müssen, betonte Johnson, die Strategie sei, mehr zu testen als zu isolieren.

Einer Analyse der BBC zufolge könnten bis zum 16. August aber noch 4,5 Millionen Menschen wegen ihrer Kontakte zur Selbstisolation aufgefordert werden. Die Regierung erwartet, dass die Zahl der Neuinfektionen wegen der Aufhebung der Corona-Regeln auf bis zu 100.000 am Tag steigen könnte.

Karl Lauterbach legt Boris Johnson Rücktritt nahe

Noch vor dem Bekanntwerden der neuesten Zahlen legte SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach dem britischen Premier den Rücktritt für den Fall nahe, dass dessen „Experiment mit vielen Menschen“ misslinge. Zu dem Zeitpunkt am Dienstag ging Lauterbach noch von konstanten Todeszahlen aus.