Die Impfkampagne soll an Tempo gewinnen, am Dienstag soll die erste Lieferung des Impfstoffs von Moderna erfolgen. Foto: imago images/Westend61

Amtsarzt Patrick Larscheid vermisst in der Corona-Pandemie ein Impfkonzept für die breite Berliner Bevölkerung. Der Impfstoff des Herstellers AstraZeneca werde wahrscheinlich zeitnah zugelassen, sagte er. Anders als die Impfstoffe der Hersteller Biontech und Moderna lasse er sich wegen einer einfacheren Logistik auch in Arztpraxen einsetzen. „Für diese Breite gibt es in Berlin aber bisher kein Impfkonzept“, kritisierte Larscheid, Amtsarzt in Reinickendorf.

Impfungen auch in Arztpraxen

Ähnlich hatte bereits die Kassenärztliche Vereinigung argumentiert. Sobald ein geeigneter Impfstoff in Sicht sei, müssten viele Menschen sehr schnell geimpft werden. „Das schaffen wir nur in den Praxen“, hieß es.

Patrick Larscheid ist Amtsarzt im Berliner Bezirk Reinickendorf.  Foto: dpa/Paul Zinken

Lücken sieht Larscheid jedoch auch im bisherigen Impfsystem: Bei den laufenden Immunisierungen für Menschen über 80 Jahre seien zum Beispiel Pflege-Wohngemeinschaften im Fahrplan der mobilen Teams nicht berücksichtigt. „Oft unterscheiden sie sich aber nur wenig von der stationären Pflege“, sagte der Amtsarzt. „Die Ansteckungsgefahr ist auch dort sehr hoch, zum Beispiel durch das Personal.“

Betreute Wohngemeinschaften seien keine vollstationären Einrichtungen, deren Bewohner nach der bundesweiten Priorisierung durch die Ständige Impfkommission in der ersten Phase geimpft werden könnten, heißt es bei der Senatsgesundheitsverwaltung. Daher würden Menschen dort erst zu einem späteren Zeitpunkt immunisiert. „Zur Umsetzung laufen aktuell die Planungen“, hieß es.

Alle aktuellen News aus Politik & Wirtschaft finden Sie hier.

Ebenfalls unklar ist noch, wie bettlägerige alte Menschen, die zu Hause gepflegt werden, geimpft werden sollen. Dafür werde der Rücklauf der verschickten Einladungen an Menschen über 80 abgewartet, teilte die Senatsgesundheitsverwaltung auf Anfrage mit.

Gemäß der bundesweiten Vorgabe hätten vollstationäre Pflegeeinrichtungen Priorität, da sie besonders von Ausbruchsgeschehen betroffen waren. „Selbstverständlich ist uns die hohe Bedeutung der Impfung für ambulant versorgte Pflegebedürftige bewusst, auch hierzu entwickeln wir gerade erste Planungen“, hieß es weiter.

Lesen Sie auch: Kontaktbeschränkungen: Das gilt ab heute in Berlin

„Niemand weiß im Moment, wie viele alte Menschen gar kein Impfzentrum aufsuchen können“, sagte Larscheid. „Manche Probleme sind also noch überhaupt nicht gelöst.“ Das gelte auch für chronisch kranke Jüngere. „Denn niemand weiß, wer das ist.“

In Berlin sind nach der Statistik der Robert Koch-Instituts seit Ende Dezember 28.871 Menschen geimpft worden, darunter fast 19.000 Pflegeheim-Bewohner. Am Freitag trafen 29.250 weitere Dosen des Biontech-Impfstoffs in Berlin ein, auch davon soll aber die Hälfte für die zweite Impfung zurückgehalten werden. Dienstag soll erstmals eine Lieferung des US-Herstellers Moderna innerhalb Deutschlands erfolgen.

Das Impfen könnte zum Wettlauf gegen die Zeit geraten. Denn eine Mutation des neuen Coronavirus, die in Großbritannien grassiert, ist nach derzeitigem Stand wahrscheinlich ansteckender als frühere Formen und bringt das Gesundheitswesen an den Rand des Kollaps. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hat wegen der überlasteten Krankenhäuser der Stadt den Ausnahmezustand ausgerufen.

Zulassung von Impfstoffen beschleunigen

Besorgt über die drastische Lage in Großbritannien versprach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrem wöchentlichen Podcast, das Tempo beim Impfen werde zunehmen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte die Pharmaindustrie in einem Brief auf, bei der Impfstoff-Produktion einzusteigen, und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will die Zulassung von neuen Corona-Impfstoffen beschleunigen. „Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen, rasch Impfstoff zu bekommen“, sagte der CSU-Chef der Welt am Sonntag.

Die verlässliche Zulassung sei wichtig, aber jeder Impfstoff rette Leben. „Deshalb sollte man nicht die typischen bürokratischen Verfahren wählen, sondern sich in der Tat offensiv um eine Zulassung bemühen. Ein Impfstoff, der in einem Land schon zugelassen ist, könnte auch in der EU schnell zur Zulassung gebracht werden.“

Experten befürchten, dass eine Ausbreitung der hoch infektiösen Variante aus Großbritannien den Kampf gegen die Pandemie erschweren könnte. Erste vereinzelte Nachweise der Mutation gibt es auch in Deutschland, darunter in Berlin.