Eine Atomrakete bei einer Militärparade in Moskau. dpa

An russische Drohungen mit Atomwaffen hat sich der Westen längst gewöhnt. Angst und Schrecken zu verbreiten, ist offensichtlich Teil der russischen Strategie. Die Drohung mit Nuklearwaffen hat offensichtlich das Ziel, Nato-Staaten nachdrücklich von einer Intervention in den Ukraine-Krieg abzuhalten. Einerseits mit Erfolg, denn bislang hat offiziell kein Nato-Mitglied auch nur einen Soldaten in das Kriegsgebiet entsandt. Auch die Forderung einer von der Nato überwachten Flugverbotszone hat der Westen zurückgewiesen, da dies von Russland als Kriegserklärung verstanden werden könnte.

Auf der anderen Seite haben sich nun die bislang neutralen Staaten Schweden und Finnland eindeutig zur Nato bekannt: Beide wollen dem Militärbündnis beitreten, weil sie sich in der Nachbarschaft von Russland nun konkret bedroht sehen. Der Vize-Chef des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedew drohte daraufhin mit einer nuklearen Aufrüstung, was wiederum von Litauens Präsident Gitanas Nauseda „einen leeren Schuss in die Luft“ verhöhnt wurde.

Verzweiflung über militärische Misserfolge: Putin könnte Einsatz taktischer Atomwaffen anordnen

Was aber, wenn Russland ernst macht, und dem Kriegsverlauf in der Ukraine tatsächlich mit dem Einsatz von Atomwaffen eine ganz neue Dimension gibt? Am Rande einer nuklearen Katastrophe schien die Ukraine bereits vor einigen Wochen, als Raketen auf dem Gelände des größten Atomkraftwerkes von Europa in Saporischschja einschlugen. Bereits die Möglichkeit einer Freisetzung von Radioaktivität bei einer Beschädigung einer solchen Anlage sorgte für Entsetzen.

Doch noch ein weiteres Risiko beunruhigt den US-Auslandsgeheimdienst CIA. Dieser warnt ausdrücklich davor, Russland könne im Ukraine-Krieg kleinere Atomwaffen einsetzen. Angesichts einer „möglichen Verzweiflung“ über militärische „Rückschläge“ könnte der russische Präsident Wladimir Putin den Einsatz „taktischer Atomwaffen oder Atomwaffen mit geringer Reichweite“ anordnen, sagte CIA-Direktor William Burns am Donnerstag. „Wir sind natürlich sehr besorgt“, sagte Burns, der gleichzeitig betonte, dass es bislang „nicht viele praktische Beweise“ für Vorbereitungen auf den Einsatz solcher Waffen gibt.

Russische Militärdoktrin sieht Erstschlag mit Atomwaffen vor

Russland verfügt über ein Arsenal an taktischen Atomwaffen mit kleinerer Sprengkraft als die Bomben, die die USA im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten.

In der russischen Militärdoktrin gibt es das Prinzip „Eskalieren, um zu deeskalieren“, das den Erstschlag mit einer Atomwaffe mit geringer Sprengkraft vorsieht, wenn Russland in einem Konflikt mit dem Westen ins Hintertreffen gerät. Die Hoffnung dahinter wäre, dass die Gegenseite sich nach diesem Signal zurückzieht, um die gegenseitige vollständige Auslöschung durch einen Atomkrieg mit großen, strategischen Atombomben zu vermeiden.

Anhaltender Regen erschwert russische Großoffensive im Osten der Ukraine

Nach Einschätzung Kiews und westlicher Staaten steht nach dem Rückzug der russischen Streitkräfte aus dem Großraum Kiew eine russische Großoffensive im Osten der Ukraine unmittelbar bevor. Ziel Moskaus ist laut Experten die Errichtung einer direkten Landverbindung zwischen der 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim und den von pro-russischen Separatisten kontrollierten Gebieten in den Regionen Luhansk und Donezk.

Doch der anhaltende Regen der vergangenen Tage könnte der Ukraine im Kampf gegen die eindringenden russischen Truppen zugute kommen, sagte ein hochrangiger Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Donnerstag. „Die Tatsache, dass der Boden weicher ist“, werde es dem russischen Militär „erschweren, etwas abseits der befestigten Straßen zu unternehmen“, sagte der US-Beamte, der anonym bleiben wollte.