Der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat - sein Tod löste in seiner Heimat und in aller Welt Bestürzung und Trauer aus. Foto: Imago Images/UPI Photo

Sein großer Traum war ein unabhängiger palästinensischer Staat. Dafür kämpfte Sajeb Erakat seit Jahrzehnten mit allen Mitteln der Diplomatie. Die Verwirklichung dieser Vision wird er nicht mehr erleben: Am Dienstag starb der palästinensische Chefunterhändler im Alter von 65 Jahren an Covid-19.

Zu verhandeln gab es für Erakat in jüngster Zeit nicht viel, die Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern liegen seit Jahren auf Eis. Dennoch setzte sich der Politologe unermüdlich für die palästinensische Sache ein.

Der Leichnam von Sajeb Erakat wurde nach Ramallah gebracht. Foto: Abbas Momani/AFP

Zuletzt wandte er sich gegen die Normalisierung der Beziehungen zwischen den Golfstaaten und Israel oder kritisierte lautstark die israelische Politik, die Leichen getöteter Palästinenser einzubehalten - darunter auch die seines im Juni erschossenen Neffen. Fast täglich meldete Erakat sich auf Arabisch und Englisch beim Kurzmitteilungsdienst Twitter zu Wort.

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Stets korrekt in Anzug und Krawatte gekleidet, eine randlose Brille auf der Nase, bewegte sich Erakat routiniert auf der politischen Bühne. Er verhandelte in fließendem Englisch, formulierte prägnant und verlor nie seinen Humor.

Erakat profilierte sich als Vertrauter von Palästinenserführer Jassir Arafat. Foto: Imago Images/UPI Photo

Erakat profilierte sich als Vertrauter von Palästinenserführer Jassir Arafat und seines Nachfolgers Mahmud Abbas. Seit 1991 nahm er an allen Friedensverhandlungen teil - mit der bemerkenswerten Ausnahme der Geheimgespräche zum Abkommen von Oslo. 2003 wurde er zum palästinensischen Chefunterhändler ernannt und war seitdem für alle ausländischen Emissäre ein begehrter Gesprächspartner.

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2011 trat Erakat kurzzeitig von diesem Posten zurück, nachdem die so genannten "Palestine Papers" publik wurden. Daraus ging hervor, dass er zum Beispiel im Streit um den Status von Jerusalem zu weitgehenden Zugeständnissen gegenüber Israel bereit gewesen wäre.

Der altgediente Diplomat kehrte jedoch zu seiner Rolle als Chefunterhändler zurück und vertrat die Palästinenser bei den vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama initiierten Friedensgesprächen, die 2014 scheiterten. Seither rückte Erakats Traum vom Palästinenserstaat in immer weitere Ferne.

Die vergangenen fünf Jahre war Erakat Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und damit die Nummer zwei des Dachverbandes der palästinensischen Gruppierungen. Immer stand er auf der Seite derjenigen, die auf Verhandlungen statt auf den bewaffneten Kampf setzten.

Erakat studierte Politikwissenschaft an der Universität San Francisco und promovierte in Friedens- und Konfliktforschung im englischen Bradford. Er arbeitete als Journalist und lehrte zwölf Jahre lang an der Hochschule von Nablus im Norden des Westjordanlands. Der Vater von vier Kindern schrieb zahlreiche Bücher, zuletzt eines über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die palästinensische Gesellschaft.

Anfang Oktober steckte sich Erakat selbst mit dem neuen Virus an. Die Infektion war für ihn besonders gefährlich, weil er wegen einer Lungenfibrose seit drei Jahren mit einem transplantierten Organ lebte. Er hat sie nicht überlebt.