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Drei Jahre ist es her, dass die Karriere von Carlos Ghosn ein jähes Ende nahm. Der einstige „Superstar“ der Automobilbranche wurde in Tokio festgenommen. Ende 2019 brachte ihn eine spektakuläre Flucht dann in den Libanon. Dort lebt der ehemalige Boss der Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi bis heute.  Anklagen in Japan hindern ihn daran, sich frei in der Welt zu bewegen. Trotzdem denkt er nicht daran, sich in den Ruhestand zu verabschieden.

Flucht in der Kiste

Im Gespräch sagt Ghosn selbstbewusst, er werde alles dafür tun, seinen Ruf wiederherzustellen. „Ich werde da sein. Ich werde meine Rechte verteidigen, solange ich die Energie dazu habe“, erklärt er per Zoom-Schaltung aus seinem Haus in Beirut. Dass er dort vor einem Computer sitzen kann, anstatt in einem japanischen Gefängnis, verdankt er seiner filmreifen Flucht: Nachdem er in Tokio gegen Kaution freigekommen war, ließ er sich Ende Dezember 2019, in einer Frachtkiste mit „Musikinstrumenten“ versteckt, mit einem Privatjet außer Landes bringen. Zwei Fluchthelfer aus den USA wurden an Japan ausgeliefert und dort im Juli 2021 zu zu einem Jahr und acht Monaten beziehungsweise zwei Jahren Haft verurteilt.

Seine Geschichte sei „noch lange nicht am Ende“, sagt der in Brasilien geborene Franzose mit libanesischen Wurzeln. Ein konkretes Ziel sei zunächst, die internationale Polizeibehörde Interpol dazu zu bewegen, die „Rote Ausschreibung“, die Polizisten in aller Welt auffordert, ihn festzunehmen, aufzuheben. Libanon hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. In dem Land seiner Vorfahren kann er sich daher weitgehend frei bewegen. 

Carlos Ghosn hatte es schon mal besser - hier 2014 an der Seite des damaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche.  Foto: imago/Zentrixx

Er brenne darauf, auch wieder in andere Länder zu reisen, sagt er. Doch der Prozess, der ihm dies möglich machen könnte, dürfte langwierig und voller bürokratischer Hürden sein. Die japanische Staatsanwaltschaft wirft ihm weiterhin vor, nicht die volle Höhe seines eigenen Einkommens bei Nissan angegeben und Geld des Unternehmens für private Zwecke veruntreut zu haben. Ghosn hat diese Anschuldigungen stets zurückgewiesen.

Japan hat Auslieferungsabkommen mit den USA und Südkorea – und die Staatsanwaltschaft hat erklärt, dass sie auch von Ländern wie Frankreich oder Brasilien Hilfe anfordern werde, falls der ehemalige Manager dorthin reisen sollte. Auch in Frankreich wird gegen ihn ermittelt. In Japan hat ihn Nissan auch wegen mutmaßlicher finanzieller Schäden verklagt. Eine Übersendung der Akten zur Verlegung des Verfahrens in den Libanon lehnen die japanischen Behörden ab.

In Japan machte er Nissan flott

Renault hatte Ghosn im Jahr 1999 nach Japan geschickt, um das damals stark angeschlagene Partnerunternehmen wieder auf Vordermann zu bringen. Dass er das konnte, hatte er als neuer Vize von Renault gezeigt – binnen eines Jahres, von 1996 auf 1997 – machte er das kriselnde französische Unternehmen wieder flott. 2001 wurde er Nissan-Vorstandschef, 2005 zusätzlich von Renault.

Unter seiner Führung gelang tatsächlich die Wende – Nissan wurde sogar zu dem profitableren Teil der Allianz. Das Bündnis wurde später noch um weitere Marken wie dem ebenfalls japanischen Hersteller Mitsubishi Motors erweitert. Nissan gehört zu 43 Prozent Renault, während die Japaner 15 Prozent der Anteile an dem Partner aus Frankreich halten. Weitere 15 Prozent von Renault gehören der französischen Regierung.

Laut Branchen-Experten geht der Schaden, den die Allianz durch den Skandal um Ghosn in Hinblick auf Kapitalwert, Umsatz und Markenimage erlitten hat, in die Milliarden. Solange Nissan nicht die internen Probleme bezüglich der Macht im Unternehmen löse und die eigenen Ressourcen wieder einsetze, um greifbare Fortschritte zu erzielen, „sind wir nicht optimistisch“, sagt Aaron Ho, Analyst von CFRA Research aus New York.

Ghosn sieht sich als Opfer eines Machtkampfes innerhalb der Chefetage von Nissan. Er beteuert, einheimische Manager, die eine noch weiter reichende Übernahme durch Renault befürchtet hätten, hätten im Rahmen einer „Verschwörung“ die japanischen Behörden dazu gebracht, ein Verfahren gegen ihn einzuleiten. „Ich kann sie nicht anders bezeichnen als Verbrecher innerhalb von Nissan“, sagt Ghosn. Nissan äußert sich nicht öffentlich zu dem Fall.

Anzeige von den eigenen Managern

Laut Aussagen im Prozess gegen Greg Kelly, einem weiteren früheren Top-Manager von Nissan, der zeitgleich mit Ghosn festgenommen worden war, hatten sich Vertreter von Nissan tatsächlich an die japanische Staatsanwaltschaft gewandt. Kern der Vorwürfe gegen Ghosn ist eine mutmaßliche Vereinbarung, laut der er Teile seiner finanziellen Vergütung erst im Ruhestand erhalten sollte. Die Anklage sieht einen Gesetzesverstoß darin, dass Ghosn eine Meldung dieser geplanten Bezüge – die niemals ausgezahlt wurden und auch nicht formal festgehalten worden waren – unterlassen habe. Auch soll er Millionen von Dollar veruntreut haben.

Seine Zeit bei der Autohersteller-Allianz ist vorbei. Mit Ruhestand hat das Leben, das Ghosn inzwischen führt, aber trotzdem wenig zu tun. Er macht Filme, hält Management-Kurse, berät Unternehmen und unterstützt eine Universitätsforschung zum Thema „Rufmord“. Auf die Frage, woran er sonst noch gearbeitet habe, antwortet er: „Schauen Sie. Bücher, Bücher, Bücher.“ Seine Erfahrungen bei Renault-Nissan hat Ghosn in dem Buch „Broken Alliances“ niedergeschrieben. Gemeinsam mit seiner Frau Carole plant er eine weitere Veröffentlichung dazu.

Menschenrechtler und andere Kritiker sehen im japanischen Rechtssystem eine Art „Geiseljustiz“, weil Verdächtige tagelang ohne Zugang zu einem Anwalt befragt und in Einzelhaft gehalten werden können. Angesichts einer Verurteilungsrate von mehr als 99 Prozent sind schon in anderen Fällen Fragen über möglicherweise erzwungene Geständnisse aufgeworfen worden. „Eine Sache, die ich für Japan tun könnte, wäre, all die Leute zu unterstützen, die in Japan gegen das Geiseljustizsystem eintreten“, sagt Ghosn.

Er fährt immer noch Nissan

Wenn der Ex-Manager Auto fährt, dann immer noch einen Nissan – ein Exemplar des im Nahen Osten beliebten SUV-Modells Patrol, an dessen Entwicklung er seinerzeit beteiligt war. Und er versichert, dass er nie erwartet hätte, dass er eines Tages in solche Schwierigkeiten geraten würde. „Wenn dir jemand gesagt hätte, bevor es passiert ist, dass ich verhaftet werden würde“, sagt er, „du hättest gelacht. Du hättest gesagt: „Komm schon. Das ist ein Witz.““