Eine moderne Panzerhaubitze: Ansonsten fehlt es in der Bundeswehr an fast allem. imago/Sven Eckelkamp

Dass die Bundeswehr mit Problemen zu kämpfen hat, wissen wir nicht erst seit dem Ukraine-Krieg: Soldatinnen und Soldaten fehlt es an elementarer Ausrüstung wie warmen Unterhosen, Hubschrauber und Panzer befinden sich vor allem in der Werkstatt und sind selten einsatzfähig, vor allem aber gibt es offensichtlich ein massives Führungsproblem in der Truppe: Gefahrenlagen durch die offensichtlich kaum vorhandene Verteidigungsbereitschaft wurden nicht erkannt, das Bundesverteidigungsministerium wurde angesichts russischer Bedrohung grundfalsch beraten, Geldverschwendung in Milliardenhöhe verschleiert.

Biefang sieht sich von der Bundeswehr „als verwahrlostes Flittchen gebrandmarkt“.

Vor diesem Hintergrund ist am Mittwoch am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein bemerkenswertes Urteil gegen die Kommandeurin Anastasia Biefang gefallen. Es ging um eine Disziplinarmaßnahme ihres früheren Vorgesetzten am Standort Storkow, wo Biefang im Informationstechnikbataillon 381 jahrelang nach außen ein erfrischend anderes Bild der Truppe nach außen gezeigt hat: 2017 outete sie sich als trans, bewies mit Mut, dass auch in einem so altbackenen Umfeld wie dem Militär möglich ist, zu sich selbst zu stehen. In zahlreichen Dokus zeigte Biefang die Bundeswehr als modernen Arbeitgeber, der hinter seinen Leuten steht, solange sie dem Auftrag der Armee mit voller Kraft nachkommen. Daran besteht bei Anastasia Biefang kein Zweifel: Sie stand für Einsätze in Afghanistan zur Verfügung, arbeitet seit 2020 in einem der besonders kritischen Bereiche, nämlich der Cyberabwehr.

Obwohl einige ihrer stockkonservativen Vorgesetzten in Storkow die trans Kommandeurin offenbar schief anschauten, hat Biefang stets loyal zur Truppe gestanden und ihren Job gemeistert. Statt dies anzuerkennen, wurde im Privatleben der Soldatin geschnüffelt. Wie Millionen andere Deutsche war sie auf Tinder unterwegs. Vor Gericht wurde ausführlich aus ihrem Dating-Profil zitiert. Biefang sah sich, so kommentierte sie später auf Twitter, „als verwahrlostes Flittchen von deinem Arbeitgeber gebrandmarkt“.

Zweifel an der moralischen Integrität der Kommandeurin: Bundeswehr spionierte ihrem Tinder-Profil nach

Die Richter des 2. Wehrdienstsenats am Bundesverwaltungsgericht folgten der Argumentation des Disziplinarvorgesetzten: Frau Biefang habe gegen die Pflicht von Soldatinnen und Soldaten verstoßen, auch außerhalb des Dienstes „ordnungsgemäß“ aufzutreten. Die Formulierung in der Tinder-Anzeige („Spontan, lustvoll, trans*, offene Beziehung auf der Suche nach Sex. All genders welcome.“) habe Zweifel an der moralischen Integrität der Kommandeurin erweckt.

Soweit also zu den Prioritäten der Bundeswehr-Führung: Statt alles für die Aufgabe der Landesverteidigung zu tun, wird im Privat- und Intimleben der eigenen Soldatinnen herumspioniert, dieses in einem zeitaufwändigen Verfahren an die Öffentlichkeit gezerrt. Dies alles erfolgt übrigens auf Kosten aller, die in Deutschland Steuern zahlen. Eine Truppe, deren Führung derart falsche Prioritäten zulässt, ist ein Sicherheitsrisiko für das ganze Land. Vom Bundesverteidigungsministerium bis in die untere Führungsebene: Die Bundeswehr bedarf dringend einer gründlichen Generalüberholung, denn mit einer verstaubten Moral aus dem Jahr 1950 ist die Truppe im Jahre 2022 nicht in der Lage, uns gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen – dazu gehören übrigens auch Cyber-Angriffe, deren Abwehr zu den Hauptaufgaben von Anastasia Biefang gehören.