Im Reparatur- und Versorgungszentrum der Bundeswehr in Blankenburg (Harz) werden Beatmungsgeräte für Bundeswehr-Krankenhäuser gecheckt.
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Berlin - Keine Schutzausrüstung, eine gestörte Logistik, kaum Reserven: Eine Denkfabrik der Bundeswehr listet Deutschlands Versäumnisse in der Corona-Krise schonungslos in einem Schreiben auf – und sie erwartet weitreichende Konsequenzen.

„Seit Generationen haben sich die Menschen nicht mehr so verwundbar gefühlt“, schreiben die Autoren des GIDS, einer Kooperationseinrichtung der Führungsakademie der Bundeswehr und der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.
Engpässe bei lebenswichtigen Gütern wie Medikamenten und Schutzausrüstung zeigten, wie abhängig Deutschland von globalen Lieferketten sei „und dies schon bei Produkten, die für eine weltweit bewunderte Industrienation kein Thema sein sollten“. Die Krise decke immer deutlicher auf, dass in einem reichen Land wie Deutschland beim Bund an Reserven bei Personal, Material und Infrastruktur mangele und in den Ländern eigentlich gesetzlich vorgeschriebene Ressourcen fehlten, so die Kritik weiter.

In Lagerhallen hat die Truppe auch einen Vorrat an medizinischer Ausrüstung.
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Und das muss das GIDS anmahnen, obwohl das Robert Koch-Institut bereits 2013 in einer Risikoanalyse genau vor solchen Versorgungs-Engpässen im Falle einer Coronavirus-Pandemie gewarnt hatte. „Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage jedoch nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe“, schrieb das RKI damals. Zentrale Lager des Bundes und der Länder hätten angelegt werden müssen – doch dies geschah nie.


„Um strategische Autonomie zurückzugewinnen, muss in Zukunft mehr auf die Diversität der Zulieferer, auf Vorratshaltung geachtet werden, fordert das GIDS deshalb. „Die Fixkosten zur Aufrechterhaltung einer strategischen Reserve, sei es bei Personal oder Material, könnten am Ende weit geringer ausfallen als die unmittelbaren Kosten und vor allem die daraus resultierenden Folgekosten, die in einer Krise entstehen. Hier muss Deutschland dringend nachbessern“, wird geraten. Zur Aufarbeitung der Krise, „das lässt sich schon jetzt sagen, gehört deshalb eine schonungslose Untersuchung der Frage, warum die Welt offensichtlich so blind in die Katastrophe gerutscht ist“. Vielleicht sei das Desaster auch „billigend in Kauf genommen worden“.


Erwartet werden Verteilungskämpfe um staatliche Ressourcen, bei denen Bürger und Organisationen Ansprüche geltend machen. Erheblichen Druck könne es nun auch aus der EU geben, besonders aus den „in den Abgrund blickenden Mitgliedstaaten Italien und Spanien“, mahnt das GIDS weiter. „Wenn Deutschland in der zweiten Jahreshälfte den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, wird Covid-19 vermutlich weiterhin das bestimmende Thema sein - und die Erwartungen, insbesondere an Deutschland, dürften immens sein.“