Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Weihnachtsansprache. AFP/Michael Sohn

Freunde, die wegen Corona nicht mehr miteinander reden, Unsicherheit, Zusammenstöße bei Demonstrationen – zwei Jahre Corona-Pandemie haben die Gesellschaft auf eine Belastungsprobe gestellt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor diesem Hintergrund in seiner Weihnachtsansprache zum Zusammenhalt aufgerufen: „In der Demokratie müssen wir nicht alle einer Meinung sein. Aber bitte denken wir daran: Wir sind ein Land! Wir müssen uns auch nach der Pandemie noch in die Augen schauen können. Und wir wollen auch nach der Pandemie noch miteinander leben“, sagte er in der Ansprache, die am ersten Feiertag ausgestrahlt wird und zuvor aufgezeichnet wurde.

Steinmeier bedankt sich bei stiller Mehrheit

Natürlich gebe es Streit, Unsicherheiten und Ängste. Sie auszusprechen, daran werde niemand gehindert, sagte der Bundespräsident. „Entscheidend ist, wie wir darüber sprechen - in der Familie, im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit. Wir spüren: Nach zwei Jahren macht sich Frust breit, Gereiztheit, Entfremdung und leider auch offene Aggression.“

Steinmeier bedankte sich „aus vollem Herzen“ bei der „großen, oft stillen Mehrheit“, die seit Monaten umsichtig und verantwortungsvoll handele, und appellierte an die Verantwortung des Einzelnen: „Der Staat kann sich nicht für uns die Schutzmaske aufsetzen, er kann sich auch nicht für uns impfen lassen. Nein, es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen!“

Seit mittlerweile fast zwei Jahren drückt das Thema Corona die meisten anderen Themen an den Rand. Die ersten Meldungen über eine in China ausgebrochene neue „mysteriöse Lungenkrankheit“ tauchten Ende Dezember 2019 in Deutschland auf. Die folgenden 24 Monate wurden zu einer Berg- und Talfahrt für die ganze Gesellschaft: Lockdowns, Schulschließungen, Maskendeals, Bund-Länder-Krisentreffen, Demonstrationen, relativ unbeschwerte Sommer, gefolgt von nervenaufreibenden Herbst- und Wintermonaten.

Steinmeier: „Unser Staat war selten so gefordert“

„Unser Staat war selten so gefordert, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen“, sagte Steinmeier. Er brauche dazu Wissenschaftler, Ärztinnen, Pfleger, verantwortungsvolle Ordnungskräfte und Mitarbeiter in den Ämtern. „Sie alle tun ihr Bestes. Und sie alle gewinnen neue Erkenntnisse, korrigieren Annahmen, die sich als falsch erwiesen haben, und passen Maßnahmen an. Menschen können irren, sie lernen aber auch.“

Steinmeier sprach von Veränderungen durch die Pandemie bis in die Sprache hinein. „Da sind nicht nur neue Begriffe hinzugekommen, von Inzidenz bis 2G+.“ Auch die „alten, kostbaren Worte“ Vertrauen, Freiheit und Verantwortung erhielten ein „neues, dringliches Gewicht“. Die Gesellschaft muss sich nach Ansicht des Bundespräsidenten neu darüber verständigen, was diese Worte bedeuten.

„Heißt Vertrauen nicht womöglich auch, dass ich mich auf kompetenten Rat verlasse, selbst wenn meine eigenen Zweifel nicht gänzlich besiegt sind? (...) Ist Freiheit der laute Protest gegen jede Vorschrift? Oder bedeutet Freiheit manchmal nicht auch, mich selbst einzuschränken, um die Freiheit anderer zu schützen? Was bedeutet Verantwortung? Sagen wir einfach: ‚Das muss jeder für sich selbst entscheiden‘? Oder betrifft meine Entscheidung nicht in Wahrheit viele andere mit?“

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In diesem Zusammenhang blickte Steinmeier auch über Corona hinaus auf das Großthema Klimaschutz, das zwar nie weg war, durch die Pandemie im Moment aber weniger Aufmerksamkeit erfährt. „Auch da wird es nicht nur die eine richtige Antwort geben, die alle überzeugt. Sondern immer wieder werden wir uns neu verständigen müssen. Und ich bin sicher: Wir können uns verständigen.“