Ein Großhandel für Medizinprodukte berichtete im April von Beschaffungsproblemen und hohen Einkaufspreisen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Berlin - Als Konsequenz aus der Knappheit und den hohen Kosten von medizinischen Schutzvorrichtungen in der ersten Corona-Welle will der Bund an 19 Standorten eine „Nationale Gesundheitsreserve“ mit wichtigem Material wie Schutzmasken aufbauen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): „Diese Pandemie lehrt uns, dass wir mehr vorsorgen müssen.“ Allerdings gibt es parallel zum Vorhaben des Bundes die Klage des Apotheker-Verbands ABDA, dass insgesamt immer öfter Medikamente fehlen.

Laut Spahns Plänen soll die Reserve bis Ende 2021 vor allem mit schon beschafften Masken gefüllt werden, dann mit Material aus inländischer Produktion. Ständig vorgehalten werden soll der Bedarf des Gesundheitswesens und des Bundes für einen Monat.

Die Reserve solle im Kern aus Schutzausrüstung, Schutzmasken, Beatmungsgeräten und Medikamenten bestehen, erläuterte Spahn. 

Die Bundesregierung hatte Anfang Juni grundsätzlich den Aufbau der Reserve beschlossen. Der Bund stieg daraufhin in die Beschaffung ein und beschloss Anreize für inländische Hersteller. Eigene Reserven sollen in erster Linie auch weiterhin medizinische Einrichtungen und die Länder vorhalten, ehe auf Bundesbestände zugegriffen werden soll.

Für die erste Phase sind derzeit von Seiten des Bundes  16 regionale Standorte bei Logistikunternehmen und drei vom Bund anzumietende Lager speziell für Handdesinfektionsmittel vorgesehen.

Konkret soll die Reserve bestimmte Mengen beschaffen und bevorraten, sich aber etwa auch Belieferungsoptionen und Produktionskapazitäten sichern. Mit einer solchen Kombination soll der Bedarf für bis zu sechs Monate abgedeckt werden können - immer physisch verfügbar sein soll ein Mindestvorrat für einen Monat. Neben der Versorgung des Gesundheitssektors und des Bundes solle auch humanitäre Hilfe mit Schutzausstattung für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und andere Staaten ermöglicht werden können.

Offenbar muss aber noch mehr geschehen, um die Arzneimittel-Versorgung in Deutschland und Europa sicherzustellen. Das geht aus einer Auswertung hervor, die das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) im Auftrag der  Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) anlässlich einer  Fachkonferenz zu Lieferengpässen am Dienstag angestellt hat.

Immer mehr Ausfälle bei Arzneimitteln

Im ersten Halbjahr 2020 habe sich allein in Deutschland die Zahl der nicht verfügbaren Arzneimittel, die Krankenkassen per Rabattvertrag für ihre Versicherten vorgesehen hatten, auf 12,1 Millionen Packungen erhöht. Das seien 68 Prozent mehr Ausfälle als im ersten Halbjahr 2019 und fast so viele wie in den gesamten Jahren 2017 und 2018 zusammen.

Kerstin Kemmritz, Präsidentin der Berliner Apothekerkammer, suchte schon 2019 vermehrt nach nicht oder schwer lieferbaren Arzneimitteln für ihre Apotheke in Weißensee.

Foto: camcop media / Andreas Klug

„Nicht nur Blutdrucksenker, Magensäureblocker oder Schmerzmittel, sondern auch Medikamente gegen Depressionen, Epilepsie oder Parkinson sind von Lieferengpässen betroffen. Die Apotheker in ganz Europa betreiben großen Aufwand, um ihre Patienten mit gleichwertigen Präparaten zu versorgen“, sagt ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold. „Für Millionen betroffener Patienten in ganz Europa brauchen wir auch eine europäische Lösung.“ Die EU-Kommission habe dazu schon richtige Schritte eingeleitet.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt ständig eine Liste von Lieferengpässen bei Medikamenten >>

Arnold erklärte weiter: „Wie sensibel die Arzneimittelversorgung auf Produktionsausfälle, Exportstopps oder Logistikprobleme in Asien reagiert, hat uns die erste Welle der Corona-Pandemie gezeigt. Um die Produktion in Europa zu stärken, braucht es einen europäischen Ansatz, der unsere gemeinsamen Qualitäts-, Sozial- und Umweltstandards gegenüber Handelspartnern in aller Welt konsequent vertritt.“