Als sie noch Kumpels waren: Premierminister Boris Johnson (l.) und Dominic Cummings,  Mastermind hinter der erfolgreichen Brexit-Kampagne, 2019 am Hinterausgang von 10 Downing Street. Foto: AFP/Daniel Leal-Olivas

Skandale, Dramen und Intrigen – normalerweise füttert das britische Königshaus die amüsierte Öffentlichkeit mit mehr oder weniger bedeutenden Aufregern. Da herrscht gegenwärtig wegen des Todes von Prinz Philip etwas Ruhe, aber jetzt springen die Regierung von Boris Johnson und ihr Umfeld ein. 

Der Ministerpräsident konnte sich zuletzt wegen hoher Impfquoten und sinkender Corona-Infektionszahlen in tollen Umfragewerten sonnen. Doch jetzt sind auf dem politischen Himmel über ihm Gewitterwolken aufgezogen, unter anderem, weil er überaus unpassende Bemerkungen gemacht haben soll. Johnson sah sich gezwungen Berichte zu dementieren, wonach er 2020 gesagt haben soll, lieber nehme er in Kauf, dass sich „die Leichen zu Tausenden auftürmen“, als einen weiteren Lockdown einzuführen.

Losgegangen war das Unwetter mit Berichten über die Nähe von Kabinettsmitgliedern zu Lobbyisten. Bald war auch Johnson Zielscheibe. Im Regierungsviertel Westminster wurde gerätselt, wer die Presse informiert hatte. Als der Inhalt von Textnachrichten zwischen Johnson und dem Staubsauger-Milliardär James Dyson  durchsickerte – es ging um Steuer-Umgehung bei der Herstellung dringend benötigter Beatmungsgeräte – zeigte der Regierungsapparat unter der Hand auf Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings.

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Eigentlich hatten viele gehofft, mit dem Ausscheiden des Brexit-Strategen und Strippenziehers Ende 2020 kehre ein freundlicherer Geist in den Regierungssitz in Downing Street ein. Gemunkelt wurde damals, sein Ausscheiden sei ein Resultat eines internen Machtkampfs mit der Verlobten Johnsons, Carrie Symonds. Viele atmeten damals auf. Cummings, der sich schon mit seiner Lotter-Kleidung von der Welt der Maßanzugträger abhebt, galt als schroff und unbarmherzig.  

Carrie Symonds, die Verlobte von Boris Johnson, soll den internen Machtkampf gegen Dominic Cummings gewonnen haben.  Foto: PA Wire/dpa/Yui Mok

Doch wie in im Film ein totgeglaubter Bösewicht gern noch einmal für einen Showdown zurückkehrt, erlebt auch Cummings eine Wiederkehr. In einem Blog  packte er aus, das schlug ein wie eine Bombe. Glaubt man ihm, hat Johnson versucht, ihn fälschlich der Durchstechereien zu beschuldigen, seiner Verlobten zuliebe interne Untersuchungen zu stoppen und die unter deren Leitung durchgeführte Luxus-Renovierung seiner Dienstwohnung auf zwielichtigem Wege zu finanzieren.

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Kurze Zeit später folgten Medienberichte über Johnsons angebliche Äußerung über Leichenberge. Glaubt man Downing Street, sind alle Vorwürfe Lügen eines Mannes auf Rachefeldzug. Doch in der Frage, wer hier die Wahrheit sagt, tappen selbst altgediente Westminster-Reporter im Dunkeln. Längst gibt es Gerüchte, Cummings habe Tonaufnahmen aus seiner Zeit neben „Boris“, mit noch brisanteren Enthüllungen. Zudem soll er in einem Monat vor einem Parlamentsausschuss aussagen. Er werde alle Fragen beantworten, erklärte Cummings, und das hört sich wie eine Drohung an.

Auf gepflegtes Aussehen legte der als intellektuell brillant, aber eiskalt beschriebene Historiker Dominic Cummings (49) auch in seiner Zeit als „Special Advisor to the Prime Minister“ keinen Wert. Foto: imago/ZUMA Press/George Cracknell

Fraglich, ob das dem Premierminister schadet. Johnson hat sich bislang als skandalresistent erwiesen. Mit der Behauptung, er habe die Unwahrheit gesagt, lässt sich in Großbritannien kaum noch ein Hund hinterm Ofen hervorlocken. Auch Berichte über pietätlose Kommentare ist man von Johnson gewohnt. Als 2020 Beatmungsgeräte knapp wurden und die  Regierung Unternehmen aufforderte, in die Bresche zu springen, soll er gescherzt haben, man könne den Aufruf als „Operation letzter Atemzug“ bezeichnen ...