Die schottische Fahne in der Mitte weht vor dem Regionalparlament in Edinburgh zwischen dem britischen Union Jack und der EU-Flagge. Foto: Oli Scarff/AFP

Edinburgh - Männer in Karo-Röcken, die mit lauten, ulkigen Instrumenten tuten und Baumstämme werfen. Frauen, die Haferbrei mit Wasser und Salz oder gefüllte Schafsmägen servieren. Und alle trinken Whisky, der nach Apotheke schmeckt. Schon die Stereotypen zeigen: Schotten (nennen Sie sie niemals Engländer!) sind anders als die anderen Briten. Jetzt will eine Mehrheit in Schottland von denen weg und wieder in die EU rein. „Die nationalistische Bewegung steht der Realisierung ihres Vorhabens so nahe wie nie“, sagte Politikprofessor John Curtice aus Glasgow. Seit Monaten spricht sich in Umfragen eine Mehrheit der Schotten für die Unabhängigkeit aus.

Treiber ist der Brexit. Beim Referendum 2016 hatte eine klare Mehrheit der Schotten gegen den Austritt aus der EU gestimmt. Bei nur 5,5 Millionen Einwohnern hatte Schottland jedoch nicht genug Einfluss auf das Gesamtergebnis. „Jetzt kann nur die Unabhängigkeit die Möglichkeit zur EU-Mitgliedschaft schaffen, die von der überwältigenden Mehrheit der Schotten gewünscht wird“, erklärt Fabian Zuleeg, Chef des „European Policy Centre“ in Brüssel. Kirsty Hughes vom Thinktank „Scottish Council on European Relations“ weist darauf hin, dass die Befürworter die Bevölkerungsentwicklung auf ihrer Seite hätten: „Bei den Menschen unter 35 Jahren sind 70 oder 80 Prozent für Unabhängigkeit und EU.“

„First Minister“ Nicola Sturgeon trägt Schottland sogar vor dem Mund - eine karierte Maske.  Foto: AFP/Andrew Milligan

Angetrieben wird diese Zustimmung auch vom Krisenmanagement in der Corona-Pandemie. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon werde hier als kompetenter eingestuft als der britische Ministerpräsident Boris Johnson, sagte Curtice. „Der ist bekannt dafür, dass er sich nicht so sehr um die Details kümmert. Sturgeon hingegen klingt wie die oberste Amtsärztin, wie eine Top-Wissenschaftlerin. Kein Zweifel, dass Johnson unwillentlich zum besten Rekrutierer der nationalen Bewegung in Schottland geworden ist.“ 

In einer Volksabstimmung 2014 war eine knappe Mehrheit noch gegen die Unabhängigkeit. Johnson lehnt ein neues Referendum ab. Doch Befürworter weisen darauf hin, die Bedingungen hätten sich durch den EU-Austritt verändert. Am 6. Mai wählt Schottland ein neues Parlament, die regierende Schottische Nationalpartei (SNP)  Sturgeons hofft auf eine absolute Mehrheit, um die Unabhängigkeit mit einer erneuten Abstimmung vorantreiben zu können. Der frühere SNP-Vize Angus Robertson warnte Johnson davor, sie zu verhindern.   

Die schottische Wirtschaft profitierte zuletzt von der Freizügigkeit in der EU. „Das ist der größte Binnenmarkt der Welt, und wir wollen dabei sein“, sagte Robertson. Experten sehen durchaus Chancen, dass ein selbstständiges Schottland wirtschaftlich überleben kann - wegen Nordsee-Öl, Fisch, Tourismus und Single Malt.  

 Baumstammwerfen, gelebtes Brauchtum im Norden Britanniens. Foto: imago/Contrast

Ein Wiedereintritt eines unabhängigen Schottlands in die EU sei durchaus vorstellbar, sagte Fabian Zuleeg in Brüssel, auch wenn die sich die EU beim Unabhängigkeitsreferendum 2014 ablehnend verhalten hatte und EU-Mitglieder, die wie Spanien in Katalonien eigene Unabhängigkeitsbestrebungen abwehren, kritisch seien. „Aber der Grundtenor hat sich verändert, auch weil Großbritannien mit seiner Brexit-Politik viel Vertrauen zerstört hat.“

Eine Unabhängigkeit des nördlichen Landesteils hätte schwere Folgen. Das Vereinigte Königreich werde auseinanderbrechen, sagte der Verfassungsrechtler Robert Hazell vom University College London, denn die Schotten fänden Nachahmer: „Es gibt bereits starke Signale einer steigenden Unterstützung für ein Referendum in Nordirland über die Wiedervereinigung mit Irland.“  Und auch in Wales erhielten Forderungen nach einer Unabhängigkeit Zulauf. England allein zu Haus.