Paletten sind wie Klopapier: Ist es da, denkt keiner daran, fehlt es, gibt es Aufregung. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Montabaur/London   - Großartige Zeiten hatte die britische Tory-Regierung ihren Bürgern nach dem Brexit versprochen. Doch seit dem endgültigen Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU zum Jahreswechsel ploppen immer neue, ungeahnte Schwierigkeiten auf, die den Handel hemmen. Jetzt sind es, man mag es kaum glauben, die Vorschriften für hölzerne Transportpaletten.

Innerhalb der EU müssen die Paletten nicht durch 30 Minuten Erhitzung auf 56 Grad von Schädlingen befreit werden, um deren Ausbreitung zu verhindern. Jetzt, wo Großbritannien draußen ist, gilt diese Vorschrift im Handel zwischen der EU und der Insel.  Viele Unternehmen hätten noch nicht auf die seit dem Brexit geforderte Norm ISPM 15-Standard umgerüstet, teilte der Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE) mit.  

Schätzungsweise nicht einmal die Hälfte aller Paletten, die zwischen England und Europa unterwegs sind, entspricht den ISPM-Vorgaben, schätzt der Verband. Das könne aber zu einem Hindernis werden, wenn die Zöllner diesseits und jenseits des Kanals aufhören, ein Auge zuzudrücken. Dann bliebe jeder dritte Lkw stehen.

Seit dem 1. Januar gibt es immer wieder Grotesken durch den Brexit. So mussten britische Lkw-Fahrer bei der Ankunft in den Niederlanden ihre Wurstbrote abgeben, weil das eine unerlaubte Einfuhr von Lebensmitteln sei.

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Schottische Fischer tuckerten mit ihren Booten quer über die Nordsee nach Dänemark, weil sie dort ihren Fang viel teurer verkaufen konnten als in Großbritannien. Dort waren sie ihren Fang nicht mehr losgeworden: Der Großhandel kauft nicht ein, weil wegen der Zollformalitäten zu befürchten war, dass Lastwagen mit der leicht verderblichen Ware zu lange an der Grenze herumstehen würden.

Ein Lastwagen vor dem Parlament in London mit der Parole: „Die inkompetente Regierung zerstört die Schalentier-Industrie.“ Shellfish ist nicht mit Schellfisch zu verwechseln. Foto: AFP/Tolga Akmen

Am Montag fuhren an die zwanzig Lastwagen von Fischereiunternehmen ins Londoner Zentrum, um gegen die „inkompetente Regierung“ zu protestieren, die ihren Industriezweig zerstöre. Die für Fischerei zuständige Ministerin hatte nämlich zugegeben, lieber Weihnachten  gefeiert zu haben als den in letzter Minute zusammengenagelten Handelsvertrag mit der EU zu lesen.

In den walisischen Häfen gegenüber von Irland ist der Warenverkehr drastisch zurückgegangen, weil Transportunternehmen den Weg quer über die die britische Hauptinsel zu den verstopften Häfen am Ärmelkanal sowie den Papierkrieg scheuen. Dafür verkehren mehr Fähren innerhalb der EU direkt zwischen Rosslare in Irland und Cherbourg in Frankreich. Das Angebot zum Übersetzen hat sich verfünffacht.

Die Spedition Schenker, eine Tochterfirma der Deutschen Bahn, gab vor einigen Tagen bekannt, übergangsweise keine Frachtaufträge nach Großbritannien mehr anzunehmen, weil der Großteil der Zollpapiere von den Kunden nicht korrekt ausgefüllt war.

Auf Dauer weniger Handel mit der Insel

Experten rechnen damit, dass Großbritannien auch nach der Überwindung von Anfangsproblemen nach dem Brexit mittelfristig  deutlich weniger in die EU exportieren wird. „Der Brexit führt zu neuen Handelshürden zwischen Großbritannien und der EU, was zu einem geringeren Handelsvolumen und damit zu Einkommensverlusten durch höhere Preise und weniger effizienter Produktion führen wird“, schreibt Thomas Sampson von der London School of Economics in einem am Dienstag vorgelegten Bericht: „Der Brexit wird das Vereinigte Königreich voraussichtlich langfristig ärmer machen, als wenn es EU-Mitglied geblieben wäre.“

Zehn Jahre nach dem Brexit werde es laut einer Prognose der Denkfabrik „UK in a Changing Europe“ (UK: United Kingdom / Vereinigtes Königreich) trotz des mit der EU geschlossenen Handelspakts voraussichtlich mehr als ein Drittel weniger britische Exporte in EU-Länder geben. Ohne Vertrag wären die Folgen noch gravierender geworden. Insgesamt erwarten die Experten zehn Jahre nach dem Brexit rund 13 Prozent weniger Handelsvolumen zwischen Großbritannien und der EU als zuvor.

Im Jahr 2019  gingen 43 Prozent der britischen Exporte in die EU, während 51 Prozent der Importe nach Großbritannien ebenfalls aus der EU stammten.