Ein Elektro-VW ID.4 fährt zur Auslieferung. Die  Autoindustrie würde gern mehr liefern, kann es aber wegen Teilemangels nicht.   Foto: dpa/Jan Woitas

Wer ein neues Auto kauft, muss immer länger darauf warten. „Je nach Fabrikat und Modell hat sich die Lieferzeit bei einem Großteil auf drei bis sechs Monate eingependelt“, sagte Marcus Weller, Marktexperte beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Bei manchen teuren Automobilen müssten Kunden sogar neun Monate bis ein Jahr lang warten, bis sie den Wagen in Empfang nehmen können.  Im Oktober wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt noch knapp 180.000 Autos neu zugelassen, 35 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Hersteller sprechen von einer regelrechten Talfahrt.

Hintergrund sind vor allem die Lieferengpässe bei wichtigen Bauteilen, darunter Halbleiter. Hersteller drosseln deshalb die Produktion. Bei Konzernen wie Volkswagen und großen Zulieferern wie Continental suchen eigens gebildete „Taskforces“ den Weltmarkt rund um die Uhr nach Restmengen vor allem der knappen Mikrochips ab. Nach vorschnell gekündigten Verträgen mit Chipproduzenten oder gekappten Bestellungen in der Corona-Verkaufsdelle Mitte 2020 kommen jetzt Kapazitätsengpässe der Halbleiterindustrie in Asien und den USA dazu.

Kunden wollen Autos, aber woher nehmen?

„Der Autobestand bei den Händlern ist ziemlich reduziert“, sagt Weller. Fanden Kunden früher ihr Wunschmodell nicht direkt beim Händler, sei es kurzfristig aus Lagern des Herstellers lieferbar gewesen. Das sei nun schwieriger. Wartezeiten würden mitunter mit Vorführfahrzeugen überbrückt und Leasing-Verträge verlängert. Paradox: Der Teilemangel bei den Anbietern trifft auf eine Nachfragesituation, die eigentlich kaum besser sein könnte. „Die Kunden möchten mehr Autos kaufen“, heißt es beim Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller.

Vor manchen Werken stauen sich unterdessen halb fertige Autos, die bei Eintreffen fehlender Teile rasch nachgerüstet und erst dann ausgeliefert werden.  In der Produktion fallen aufgrund des Teilemangels Schichten aus, teils über ganze Wochen. Gleichzeitig steigen die Autopreise, denn zusätzlich zur allgemeinen Verknappung des Angebots werden Rabatte gekürzt. 

Stefan Reindl, Leiter des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft: „Die Problematik langer Lieferzeiten könnte sich im Herbst 2021 bis weit ins Frühjahr 2022 verschärfen.“ 

Gebrauchtwagen werden teurer

Die Folge: Auch Gebrauchtwagenpreise ziehen an. Sie legten in einigen Segmenten stärker zu als bei neuen Autos.  Bei Benzinern etwa stieg der durchschnittliche Weiterverkaufspreis im September auf zuletzt 58 Prozent des einstigen Listen-Neupreises, nach 55,5 Prozent etwa im Juni. 

„Besonders anfällig für lange Lieferzeiten sind aktuell vor allem Elektrofahrzeuge“, sagt Autoexperte Reindl. Sie seien sowohl bei der Ansteuerung des Antriebs als auch bei Assistenz- und Kommunikationssystemen stärker auf Halbleiterelemente angewiesen als Verbrenner-Fahrzeuge. Auch die Stromer verkauften sich im Oktober etwas schlechter als im Oktober. Dennoch war der Marktanteil der batterielektrischen Autos und Plug-in-Hybride mit zusammen 30,4 Prozent so hoch wie nie - denn die Verbrenner ließen stärker nach.