Mahmud Sadjadi (M.) schilderte am Frankfurter Flughafen die Situation in Kabul. dpa/Frank Rumpenhorst

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant  André Wüstner, hat die Bundesregierung für ihre Afghanistan-Politik scharf kritisiert. Im „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF bezeichnete er die aktuelle Situation als ein politisches Desaster und eine Tragödie.

Wut bei Afghanistan-Veteranen und Hinterbliebenen

Die Bundeswehr sei jederzeit zu einer Evakuierung der Ortskräfte bereit gewesen, die politische Entscheidung dafür sei aber sehr spät gefallen. Die Lage vor Ort lasse viele Afghanistan-Veteranen „mit dem Kopf schütteln“. Auf diese Weise gehe bei den Soldaten auch das Vertrauen in die Politik verloren, so Wüstner. Über das Thema Verantwortung müsse noch gesprochen werden. Es gebe zum Teil „enorme Wut“ bei Afghanistan-Veteranen und Hinterbliebenen.

Der FDP-Vizevorsitzende Wolfgang Kubicki geht davon aus, dass zu Afghanistan ein Untersuchungsausschuss eingerichtet werden wird. Nach der Bundestagswahl „müssen wir aufarbeiten, wo die Fehler gelegen haben“.

Zwölf Tote am Flughafen in Kabul

Unterdessen sind zwei weitere Bundeswehr-Maschinen mit rund 500 Menschen an Bord in Frankfurt am Main angekommen. Im Laufe des Tages will die Bundeswehr die Evakuierungs-Mission mit mehreren Flügen fortsetzen. Am Morgen wurden mehr als 200 weitere Menschen ins Nachbarland Usbekistan ausgeflogen. Von dort geht es dann mit zivilen Flugzeugen weiter nach Deutschland.

Gerettete berichten von Chaos und Hilflosigkeit

Nach ihrer Landung am Frankfurter Flughafen berichteten Gerettete von schlimmen Erlebnissen und chaotischen Verhältnissen in Kabul. „Es ist schrecklich“, sagte Passagier Mahmud Sadjadi. „Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Nur Chaos“, beschrieb er die Zustände. Er habe Tote gesehen und Schüsse gehört, berichtete Sadjadi am frühen Donnerstagmorgen.

Laut den radikalislamistischen Taliban soll es im Chaos am Flughafen Kabul zwölf Tote gegeben haben.

Die Taliban forderten alle Menschen ohne Reisegenehmigung auf, den Flughafen zu verlassen. „Wir wollen niemanden am Flughafen verletzen“, sagt der Taliban-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden will.  Der Leiter der Bundeswehr-Evakuierungsmission am Flughafen Kabul befürchtet eine weitere Eskalation der Lage. Es gebe vor dem Airport einen Ansturm verzweifelter Menschen, die das Land verlassen wollen, so Brigadegeneral Jens Arlt. „Wir sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und der Staatsbürger anderer Nationen.“

Die Menschen, die es nach Deutschland geschafft haben, werden auf mehrere Bundesländer verteilt. So bereitete sich Brandenburg gestern schon auf die Ankunft von etwa 100 afghanischen Ortskräften vor, die mit einem Konvoi der Bundeswehr bis nach Doberlug-Kirchhain gefahren würden, so Innenminister Michael Stübgen (CDU). 

Erste Gerettete treffen in Brandenburg ein

„Wir müssen damit rechnen, dass es sich um traumatisierte, teilweise schwerst traumatisierte Menschen handelt“, sagte Stübgen. „Die haben in den letzten Tagen und Wochen Dinge erlebt, die wir uns gar nicht vorstellen können.“ Sie müssten erst mal zur Ruhe kommen können.

Bei der Erstversorgung sollen Menschen zum Beispiel ein Hygienepaket und andere Dinge bekommen, die sie benötigen, etwa Windeln für Kleinkinder, Kleidung und Medizin. Die Personen kämen dann drei Tage in Quarantäne, sagte Stübgen. Sie würden voraussichtlich bis Dienstag in Doberlug-Kirchhain bleiben und dann in die Bundesländer verteilt. 

Vor Ort in Afghanistan werde sich zunächst darum gekümmert, die Menschen herauszuholen, die am meisten gefährdet seien, also Ortskräfte und deren Angehörige. Es seien zudem wahrscheinlich Flüchtlinge unterwegs, die zunächst in Nachbarländern ankommen. Hier sei es von „entscheidender Bedeutung“, dass die Europäische Union und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR Geld zur Verfügung stellten, um Auffanglager „heimatnah“ bereitzustellen.

Zur Frage, ob Brandenburg schon sagen könne, wie viele afghanische Flüchtlinge es aufnehmen könnte, sagte Stübgen, als Innenminister hätten sie darüber beraten und vereinbart, dass zunächst nicht jedes Land nun vorpresche und eigene Kontingente nenne. „Entscheidend ist, dass der Bund jetzt sagt: Was machen wir?“ Er habe für Brandenburg eine Aufnahmebereitschaft signalisiert, sagte Stübgen. „Und wir wissen auch, dass wir Kapazitäten haben.“