Ein Mann betet am Ort des Anschlags, wo Menschen rote Nelken als Zeichen der Trauer niedergelegt haben.
Ein Mann betet am Ort des Anschlags, wo Menschen rote Nelken als Zeichen der Trauer niedergelegt haben. AP/Khalil Hamra

Die  türkische Polizei hat nach dem blutigen Bombenanschlag in Istanbul 46 Menschen festgenommen, darunter eine Frau, die den Sprengsatz am Sonntagnachmittag auf der belebten Istiklal-Straße offenbar abgelegt hatte. Bei der Explosion waren sechs Menschen getötet worden, darunter ein neunjähriges Kind. 81 Menschen wurden verletzt, von denen am Montagvormittag noch 31 im Krankenhaus lagen. Zwei seien in kritischem Zustand, hieß es.

Kolonnen von Rettungswagen waren auf der Istiklal-Straße unterwegs, um Verletzte zu bergen.
Kolonnen von Rettungswagen waren auf der Istiklal-Straße unterwegs, um Verletzte zu bergen. imago/Abed Alrahman Alkahlout

Laut Innenminister Süleyman Soylu ist die festgenommene Frau eine Kurdin aus Syrien. Der türkische Sender TRT Haber zeigte Aufnahmen des Polizeieinsatzes in der Nacht in einem Haus in Istanbul, bei dem sie überwältigt wurde.

Überwachungskameras führten zur Festnahme der Frau

Auf die Spur der Frau soll die Polizei binnen weniger Stunden gekommen sein, unter anderem durch die Auswertung der Bilder von 1200 Überwachungskameras.

Am Morgen nach dem Anschlag fuhr die historische Straßenbahn wieder durch die Einkaufsstraße.
Am Morgen nach dem Anschlag fuhr die historische Straßenbahn wieder durch die Einkaufsstraße. AP/Khalil Hamra

Die Tat mit einer TNT-Bombe soll aus dem Hauptquartier der Kurden-Miliz YPG in Kobane im Norden Syriens befohlen worden sein, wo die türkische Armee gegen sie Krieg führt. Die Frau, die  40 Minuten lang auf einer Bank gesessen hatte und kurz vor der Explosion ging und eine Tasche mit der Bombe zurückgelassen habe, soll die Tat auch schon gestanden haben. Eine Selbstbezichtigung einer der Kurden-Organisationen gibt es aber noch nicht.

Die Berichterstattung in türkischen Medien war am Sonntagabend größtenteils eingestellt worden. Die Rundfunkbehörde Rtük verhängte eine vorläufige Nachrichtensperre. Man wolle Panik in der Bevölkerung verhindern. Die Behörde für Informationstechnologie und Kommunikation (BTK) reduzierte am Abend die Bandbreite für Social-Media-Plattformen. Für Nutzer bedeutete das, dass Seiten deutlich langsamer erreichbar waren.

Die YPG-Miliz wurde von der syrischen Kurdenpartei PYG gegründet. Die  türkische Regierung sieht in den kurdisch-syrischen Organisationen Ableger der PKK: Die Kurdische Arbeiterpartei, die in der Türkei und angrenzenden Ländern für einen kurdischen Staat kämpft, ist in der Türkei, in der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft. Die PKK setzt seit Jahrzehnten auf Guerillakrieg, Bomben und Selbstmordattentate.

Die Kurdenmiliz YPG wiederum wird von den USA nicht als Terrororganisation angesehen, sondern ist für sie Partner im syrischen Bürgerkrieg im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Kurdisch-türkischer Krieg seit 1984

Die PKK hat Stellungen in der Südosttürkei und im Nordirak. Ihr Hauptquartier liegt in den nordirakischen Kandil-Bergen. Türkisches Militär geht regelmäßig auch außerhalb des eigenen Staats gegen die PKK vor und unterhält seit 2016 Militärposten im Nordirak.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hatte in der Vergangenheit bei Einsätzen des türkischen Militärs gegen die PKK im Ausland angezweifelt, dass diese mit dem Völkerrecht vereinbar sind.

Der seit 1984 andauernde Konflikt kostete bislang Zehntausenden Menschen das Leben. Ein Waffenstillstand war im Sommer 2015 gescheitert. Der Krieg wird sich wieder verschärfen: Der türkische Innenminister kündigte Vergeltung an. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte noch am Sonntag erklärt: „Unser Volk sollte sicher sein, dass die Täter des Vorfalls in der Istiklal-Straße so bestraft werden, wie sie es verdienen, indem alle Hintergründe des Vorfalls aufgedeckt werden.“