Alexej Nawalny, Oppostionspolitiker aus Russland, wird in der Charité behandelt.  Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Berlin -  Bei dem in Deutschland in Behandlung befindlichen russischen Regierungskritiker Alexej Nawalny wurde nach Angaben der Bundesregierung „der zweifelsfreie Nachweis“ eines chemischen Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe erbracht. Das erklärte die Bundesregierung am Mittwoch in Berlin. Auf Veranlassung der Berliner Charité, wo Nawalny derzeit behandelt wird, hatte ein Spezial-Labor der Bundeswehr eine toxikologische Untersuchung anhand von Proben Nawalnys durchgeführt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte: „Das Verbrechen an Alexej Nawalny richtet sich gegen die Grundwerte und Grundrechte, für die wir eintreten.“ Es sei sicher, dass Nawalny „zum Schweigen gebracht werden“ sollte.

 „Es ist ein bestürzender Vorgang, dass Alexej Nawalny in Russland Opfer eines Angriffs mit einem chemischen Nervenkampfstoff geworden ist“, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert davor gesagt. Die Bundesregierung verurteile diesen Angriff auf das Schärfste. „Die russische Regierung ist dringlich aufgefordert, sich zu dem Vorgang zu erklären.“ 

Die Bundesregierung werde ihre Partner in EU und NATO über die Untersuchungsergebniss informieren. Ferner werde sie mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) Kontakt aufnehmen, erklärte Seibert.

Am Nachmittag bestellte das Auswärtige Amt den russischen Botschafter ein. „Ihm wurde dabei nochmals unmissverständlich die Aufforderung der Bundesregierung übermittelt, die Hintergründe dieser nun nachweislichen Vergiftung von Alexej Nawalny vollumfänglich und mit voller Transparenz aufzuklären“, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD).

Nawalny, der am 20. August auf einem Flug in seiner Heimat plötzlich ins Koma gefallen war und zunächst in Omsk untersucht wurde, wird seit vorvergangenem Sonnabend auf Drängen seiner Familie in der Charité behandelt. Die deutschen Ärzte gingen nach einer Auswertung von klinischen Befunden bereits davon aus, dass Nawalny vergiftet wurde. Die russische Regierung hatte diese Einschätzung  als „vorschnell“ bezeichnet.

Die Charité teilte am späten Mittwochnachmittag mit: „Der Gesundheitszustand von Alexej Nawalny ist weiterhin ernst. Die Symptomatik der durch eine nachgewiesene Vergiftung ausgelösten Cholinesterase-Hemmung ist zunehmend rückläufig. Grund dafür ist eine schrittweise Regeneration der Cholinesterase-Aktivität. Alexej Nawalny wird weiterhin auf einer Intensivstation behandelt und maschinell beatmet. Mit einem längeren Krankheitsverlauf ist zu rechnen. Langzeitfolgen der schweren Vergiftung sind weiterhin nicht auszuschließen.“

Bei der Cholinasterase-Hemmung wird ein Botenstoff im Gehirn nicht deaktiviert, was zu einer Reizüberflutung der Nervenzellen führt. Die Steuerung  des Körpers und seiner lebenswichtigen Funktionen kollabiert, was schlimmstenfalls zum Tode führt.

Nowitschok ist ein in der Sowjetunion entwickeltes Gift, das 2018 auch beim Attentat auf den russischen Überläufer Sergej Skripal in England eingesetzt worden war.  Als Täter wurden zwei Agenten des russischen Militärgeheimdiensts ausgemacht. Skripal und seine Tochter überlebten, eine unbeteiligte Frau starb.