Die Frau des Generalsekretärs der Kataeb-Partei, Nazar Najarian, der bei der Explosion im Hafen ums Leben kam, küsst während des Trauerzuges seinen Sarg. Foto: Hassan Ammar/AP/dpa

Das Emblem der christlichen Kataeb-Partei ist auf das weiße Seidentuch gedruckt, das den Holzsarg bedeckt. Hunderte Menschen ziehen in Trauer um den Generalsekretär der Partei durch die verwüsteten Straßen von Beirut. Wie die Familie und Weggefährten von Nazar Najarian nahmen am Sonnabend Dutzende Angehörige und Freunde in Beirut Abschied von den Opfern der verheerenden Explosion auf dem Hafengelände.

Parteimitglieder tragen den Sarg des Generalsekretärs der Kataeb-Partei. Hunderte folgen dem Sarg von Nazar Najarian, der bei der Katastrophe ums Leben kam. Foto: Anwar Amro/AFP

Aktivisten hatten zu einer zentralen Trauerkundgebung und zu Protesten in Beiruts Innenstadt aufgerufen - das Motto: „Gerechtigkeit für die Opfer, Rache an der Regierung“. Wie viele Libanesen werfen sie der politischen Führung des Landes Fahrlässigkeit vor und machen sie für die Katastrophe mit 158 Toten und 6000 Verletzten verantwortlich.

Ein Demonstrant wirft Steine auf Sicherheitskräfte. In den Straßen Beiruts machen die Menschen ihrem Ärger über die Regierung Luft. Foto: Hassan Ammar/AP

Im libanesischen Sender MTV war zu sehen, wie Demonstranten versuchten, die Absperrungen zum Parlament zu durchbrechen. Sprechchöre waren zu hören, unter anderem „Revolution, Revolution“. Eine Reporterin berichtete, Sicherheitskräfte hätten Tränengas eingesetzt.

Das verwüstete Hafengebiet von Beirut, wo am Dienstag ein Lagerhaus voller Ammoniumnitrat explodierte. Foto: AFP

Bei den Aufräumarbeiten nach der Explosionskatastrophe von Beirut sind viele Libanesen auf sich allein gestellt. Während sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen, zeigen sie untereinander große Solidarität. In den stark zerstörten Vierteln rund um den Hafen sind Dutzende freiwillige Helfer mit Besen und Schaufeln im Einsatz. Auch die 17-jährige Christina Mata unterstützt die Aufräumarbeiten. „Ich will nicht zu Hause rumsitzen. Ich bin gekommen, um den Menschen in dieser schmerzhaften Not nahe zu sein“, sagt sie.

Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) stehen mit Rettungshunden an beschädigten Gebäuden. Nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt wird weiter nach Opfern gesucht. Foto: Christian Wenzel/THW/dpa

Besonders schlimm erwischt hat es das Viertel Mar Michail, bekannt für seine guten Restaurants, Bars und Galerien. Jetzt sieht es hier aus, als wäre ein Hurrikan hindurchgefegt - an ein fröhliches, ausgelassenes Nachtleben ist nicht mehr zu denken. Scherben bedecken die Straßen, Stromleitungen hängen herunter, zerstörte Möbel stehen herum. Viele der alten, traditionellen Häuser sind stark beschädigt.

Auch deutsche Rettungshelfer zeigten sich vom Ausmaß der Zerstörung in Beirut schockiert. „Was hier an Gebäuden stand, das waren ja richtige Hochregallager und Großgebäude, die liegen alle in Trümmern. Das ist wirklich eine Dimension, die ist echt atemberaubend“, sagte THW-Sprecherin Georgia Pfleiderer. Ihr bisher fünfter THW-Einsatz im Ausland sei „vom Ausmaß des Schadens das Größte, was ich bisher gesehen habe“.

Ärzte behandeln einen verletzten Jungen in einer Not-Krankenstation in Beirut. Foto: Ibrahim Amro/AFP

Nun geht es in erster Linie darum, die notleidende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen, so Anette Müller, Fachbereichsleiterin in der Johanniter-Auslandshilfe, zum KURIER. Die Lebensmittelpreise erreichen astronomische Höhen, bei Löhnen von 100 bis 200 Euro im Monat kostet ein Pfund Butter 8 bis 10 Euro. Mehl darf nur in Bäckereien verkauft werden. „Durch die Explosion sind Getreidespeicher zerstört wurden, die für die Grundversorgung der Bevölkerung vorgehalten wurden. Gleichzeitig steigen durch den zerstörten Hafen die Transportpreise. Das ist für das Land, welches 85 Prozent ihrer Güter importiert, eine Katastrophe“, so die 52-Jährige.

Die libanesische Flagge um die Schultern gelegt, begutachtet Farah Mahmoud die Schäden in der verwüsteten Wohnung ihrer Eltern. Foto: Hassan Ammar/AP

Auch bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ gingen Mediziner nach der Explosion spontan in Gesundheitseinrichtungen, um dort zu helfen, berichtet der Berliner „Ärzte ohne Grenzen“-Redakteur Oliver Barth (40). Sofort hätten Teams eine Analyse der dringendsten Bedarfe in Krankenhäusern gestartet, medizinische Hilfsgüter gesendet und zusätzliche Transporte vorbereitet.

In Dschemmaisah hat auch die Nonne Nicola al-Akiki die vielleicht schlimmsten Tage ihres Leben durchmachen müssen. Sie ist Leiterin des Wardiah-Krankenhauses, nur rund 500 Meter vom Ort der Explosion entfernt. „Junge Freiwillige haben unsere Klinik vom Schutt befreit und gereinigt“, sagt die Frau, die einst acht Monate in Köln lebte. „Sie sind Engel. Alle Libanesen helfen sich gegenseitig.“