Ein Mann schleppt eine vermutlich durch Glassplitter verletzte Frau aus dem Katastrophengebiet. Foto: Marwan Tahtah/imago images/ZUMA Wire

Die Explosionskatastrophe in Beirut mit bislang über 100 Toten und mehr als 4000 Verletzten stürzt den Libanon in den Abgrund. Zwar zeigten die Menschen in der Hauptstadt Zusammenhalt, aber es drohen ein völliger Zusammenbruch des Staats und eine Hungersnot. Die Ursache der Explosion, die den Hafen und seine weitere Umgebung verwüstete, scheint geklärt: Es war vermutlich ein Unfall. Nur US-Präsident Donald Trump sprach von einem Anschlag.

Ein Mann transportiert einen Verletzten auf seinem Motorroller ab. Foto: Hassan Ammar/AP/dpa

Unmittelbar nach der Explosion am Dienstagnachmittag zeigten sich große Hilfsbereitschaft und Improvisationstalent bei den Beirutern. Menschen brachten Verletzte auf Motorrollern ins Krankenhaus, schleppten sie auf der Schulter weg. Das Militär transportierte sie auf Lastwagen ab, und vor den völlig überlasteten, teilweise beschädigten Krankenhäusern fing das Personal auf Parkplätzen an, die Menschen zu behandeln. Rettungswagen kamen aus dem ganzen Land, die Kliniken baten um Blutspenden und Stromgeneratoren.

Verwundete werden auf dem Parkplatz des Al-Roum-Krankenhauses behandelt.   Foto: Marwan Naamani/dpa

Die EU schickte über hundert Katastrophenhelfer nach Beirut: Experten von Feuerwehren aus den Niederlanden, Tschechien und Griechenland sollen mit Hunden und Gerät den libanesischen Kollegen und der Armee bei der Suche nach Verschütteten helfen. Frankreich schickte zwei Flugzeuge mit 55 Spezialisten, einer mobilen Krankenstation und medizinischer Ausrüstung. Deutschland wollte noch am Mittwoch THW-Kräfte losschicken, Russland entsandte fünf Flugzeuge mit Ärzten und mobilem Krankenhaus.  Das benachbarte Israel und der Iran boten Unterstützung an.

Die Verletzungen eines Manns und seiner Tochter sind im Krankenhaus verbunden worden. Foto: Ibrahim Amro/AFP

Auch Zypern entsandte Helfer – auf der Insel hatten die Bewohner trotz 200 Kilometer Entfernung die Explosion bemerkt, die wie ein Erdbeben der Stufe 3,5 wirkte. 

Doch nach der ersten Nothilfe beginnen umfassende Probleme. Nach Angaben des Gouverneurs von Beirut, Marwan Abbud, sind mit rund 250.000 Menschen zehn Prozent der Einwohner obdachlos. Wegen der Zerstörung eines großen Getreidesilos und der Einrichtungen des Hafens droht die Nahrungsmittelversorgung zu kollabieren, 80 Prozent der Lebensmittel werden importiert.

Die Umgebung des Hafens ist verwüstet, das riesige Getreidesilo zerstört. Foto: Hassan Ammar/AP

Sie ist – wie auch Strom- und Wasserversorgung oder der Müllabfuhr – seit über einem Jahr zerbrechlich bis unzureichend. Der Libanon ist in einer tiefen Krise, die Währung verliert ständig und zuletzt bis zu 60 Prozent an Wert: Wegen des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien sind Wirtschaftsverbindungen kollabiert, jeder vierte Bewohner des Landes mit gut sechs Millionen Einwohnern ist ein Flüchtling. Dazu kommt Corona. 

Libanesische Soldaten suchen in den Trümmern eines Hauses nach Überlebenden. Foto: Hassan Amar/AP/dpa 

Gleichzeitig ist das politische System ineffektiv und korruptionsgeplagt. Offiziell muss das Land 18 religiöse Gruppen und ihre Interessen in Einklang bringen: Vier muslimische, zwölf christliche, dazu Drusen und Juden. Nach ewigen Bürgerkriegen und durch das Erstarken der mit Iran verbündeten schiitischen Hisbollah-Miliz ist dieses System nicht mehr funktionsfähig. 

Angesichts dieser Lage scheinen die Versprechungen des Ministerpräsidenten Hassan Diab hohl, die Verantwortlichen der Katastrophe zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Allerdings will die Regierung die für den Hafen Verantwortlichen unter Hausarrest stellen und verfügte einen 14-tägigen Notstand für die Hauptstadt. 

Einchecken zur Hilfe: Mitglieder der Rettungsorganisation Sécurité Civile gehen in Paris zum Flugzeug, um nach Beirut zu fliegen.  Foto: Thibault Camus/AP/dpa

Offenbar war es zunächst zu einem Brand in einem Lager für Feuerwerkskörper gekommen, der zu einer ersten Reihe kleinerer und größerer Explosionen und einer riesigen Rauchwolke führte. Dann kam es zu der eigentliche Katastrophe, als in unmittelbarer Nähe über 2700 Tonnen Ammoniumnitrat in einem Lagerhaus zündeten. Die Druckwelle fegte über den Hafen und seine Umgebung, zerstörte Häuser, ließ noch in weiter Entfernung Fenster und Fassaden bersten. 

Verletzt wurden auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft und des Goethe-Instituts sowie Marinesoldaten der UN-Friedenstruppe für den Libanon, deren Schiff im Hafen lag. 

Das Ammoniumnitrat, das vorwiegend als Düngemittel, aber auch als Sprengstoff dient, war offenbar in Vergessenheit geraten oder seine Gefährlichkeit unterschätzt worden, nachdem es 2013 eher zufällig nach Beirut gelangt war. Der Frachter „Rhosus“, unter der Flagge Moldawiens unterwegs, sollte die gefährliche Fracht von Georgien nach Mosambik bringen. Wegen technischer Probleme lief er Beirut an und wurde dort von den Behörden festgesetzt. Eigentümer und Ladungsbesteller gaben das Schiff aber auf, weil Gläubiger es als Pfand ansahen, die Fracht wurde ausgeladen und lag bis Dienstag im Lagerhaus. 

Grafik: dpa

Ammoniumnitrat wird seit über hundert Jahren als Dünger verwendet, außerdem als Spreng- und Raketentreibstoff. In der Vergangenheit gab es immer wieder Katastrophen und Anschläge damit. 1921 beispielsweise explodierten bei der BASF in Ludwigshafen 400 Tonnen, es gab 559 Tote. 1947 flogen zwei Frachter mit dem Stoff im Hafen von Texas City in die Luft – es gab bis zu 600 Tote. 1995 sprengte ein Attentäter ein Regierungsgebäude in Oklahoma City damit, 168 Menschen starben. 2015 war Ammoniumnitrat beteiligt, als im chinesischen Tianjin eine Explosion mehrere Hundert Menschenleben forderte.