Demonstranten gingen in den verwüsteten Straßen gegen die Regierung auf die Straße, wollten ins Parlament eindringen. Foto: Hassan Ammar/AP

Aus der Verzweiflung und Trauer wird in Beirut Wut: Wenige Tage nach der Explosions-Katastrophe im Hafen der liebanesischen Hauptstadt mit 154 Toten randalierten Demonstranten bei Straßenprotesten, bewarfen Sicherheitskräfte mit Steinen und zerstörten Geschäfte. In einer durch die Detonationen verwüsteten Straße nahe des Parlaments setzten die Sicherheitskräfte Tränengas ein, um zu verhindern, dass die Menge ins Parlamentsgebäude eindringt. Einige Demonstranten wurden verletzt.

Wütende Anwohner beschimpfen Sicherheitskräfte. Sie sehen die Explosions-Katastrophe als Zeichen des Versagens der libanesischen Regierung.  Foto: AFP

Die Protestler sehen die verheerenden Explosionen als Beleg für das Versagen und die Korruption der politischen Führung, die das Land heruntergewirtschaftet habe - ein Vorwurf, der in der libanesischen Bevölkerung weit verbreitet ist. „Wir können es nicht mehr ertragen. Das war‘s. Das ganze System muss weg“, sagte der 30-jährige Demonstrant Mohammad Suyur.

Rettungsteams suchen mit Spürhunden in den Trümmerbergen nach Überlebenden. Foto: AFP

Schon vor der Katastrophe hatte es immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung gegeben. Der Libanon steckt in der schwersten Wirtschafts- und Währungskrise seit Jahrzehnten. Die Corona-Pandemie hat die Lage in den vergangenen Monaten noch verschärft. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) warnte vor einer weiteren Destabilisierung des Libanon und warb für eine zeitnahe internationale Geberkonferenz.

Die Druckwelle der Explosion zerstörte ganze Straßenzüge: Ein Mann sitzt in seiner verwüsteten Wohnung, 250.000 Menschen sind obdachlos. Foto: AFP

Die genauen Ursachen der Explosionen sind noch ungeklärt, auch ein Anschlag wird nicht ausgeschlossen. 16 Hafen-Mitarbeiter wurden in Gewahrsam genommen. Eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission soll binnen weniger Tage die Hintergründe des Unglücks aufklären.

Die Suche nach Überlebenden kommt nur langsam voran. Kräne und Bulldozer versuchten, große Trümmerteile zu räumen. Internationale Teams waren an der Suche beteiligt, darunter auch das Technische Hilfswerk (THW). Ein Krisenunterstützungsteam (KUT) der Bundeswehr sollte am Freitagnachmittag in Libanons Hauptstadt eintreffen.

Nach UN-Angaben sind durch die Katastrophe auch rund 80.000 Kinder obdachlos geworden. Die heftige Detonation habe deren Zuhause zerstört, sagte die Sprecherin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Marixie Mercado. Viele Haushalte hätten nur noch begrenzt Wasser und Strom. Zudem gebe es Berichte, dass mehr als 120 Schulen beschädigt worden seien. Beiruts Gouverneur hatte erklärt, durch die Explosion könnten in Libanons Hauptstadt bis zu 250.000 Menschen obdachlos geworden sein.

Die Zahl der Toten stieg drei Tage nach der Katastrophe auf 154. Wegen vieler Schwerverletzter auf Intensivstationen wird die Zahl wahrscheinlich weiter steigen. Rund 5000 Menschen waren bei der Detonation verletzt worden.

Die ganze Welt fühlt mit den Opfern der Katastrophe im Libanon: Bei einer Mahnwache für die Toten setzten Trauernde in Los Angeles aus Kerzen den Schriftzug "Beirut" zusammen. Foto: Robyn Beck/AFP

Hilfsorganisationen warnen zudem, die Kliniken in Beirut seien völlig überfüllt und überlastet. Die häufigsten Verletzungen seien komplizierte Brüche, Verbrennungen und Wunden durch Glassplitter, erklärte die Organisation Handicap International. Oft seien Gliedmaßen verletzt und müssten amputiert werden.

Durch die Explosionen sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) Kliniken mit insgesamt rund 500 Betten beschädigt worden. Besondere Sorge bereite die Gefahr, dass sich das Coronavirus unter den gegebenen Umständen nun besonders leicht ausbreiten könne.