Eine Industrieelektrikerin montiert einen Schaltkreis – wenige Wochen vor dem Start des Ausbildungsjahres werden noch Azubis gesucht. imago images/Rupert Oberhäuser

In wenigen Wochen beginnt für viele junge Leute die Berufsausbildung. Doch Zehntausende suchen noch nach einer Stelle. Gleichzeitig finden viele Betriebe keinen Nachwuchs.

385.000 junge Leute haben sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg bundesweit bisher um Lehrstellen beworben, 32.000 weniger als vor einem Jahr. Demgegenüber haben die Ausbildungsbetriebe 468.000 freie Lehrstellen gemeldet. Trotz des deutlichen Überhangs sind noch 158.000 junge Frauen und Männer nicht mit einem Ausbildungsplatz versorgt. Firmen und potenzielle Azubis finden nur schwer zusammen. Die Corona-Krise hat das verschärft.

Im Bauhandwerk stehen die Ausbildungschancen besonders gut.
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Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sprach von einem „Warnzeichen“. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte für den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Corona-Pandemie“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. BA-Vorstandschef Detlef Scheele sagte in Nürnberg, die Ausbildung „bleibt unser Sorgenkind“.

Geringere Chancen auf Ausbildungsplatz in Tourismus und Gastronomie

Weniger Erfolg dürften Bewerberinnen und Bewerber haben, die sich für eine Ausbildung im Bereich Tourismus, Gastronomie oder Kosmetik interessieren. Die Corona-Krise hat hier nach BA-Angaben deutliche Spuren hinterlassen.

Auch Steuerberatungsfirmen oder Banken suchen weniger Nachwuchs. Besonders gute Chancen gibt es dagegen im Bauhandwerk, im Gesundheitsbereich oder bei Verkehrsunternehmen. Hier verzeichnet die Bundesagentur einen Zuwachs an freien Lehrstellen.

Mehr freie Lehrstellen im Bauhandwerk

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sprach mit Blick auf das Handwerk von „dringendem Fachkräftebedarf und sehr guten Karrierechancen“. Dort würde in den kommenden fünf Jahren für bis zu 125.000 Betriebe ein Nachfolger für die Übernahme gesucht, sagte er der dpa. Insgesamt bezeichnet Dulger die Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, als „sehr gut“. „Auf vier Bewerberinnen und Bewerber kommen rund fünf Ausbildungsplätze.“

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Doch hier kommt das alte Problem ins Spiel: Nachwuchs und Firmen finden oft nicht zueinander. Weil Praktika und Berufsmessen ausfielen und Berufsberater nicht in die Schulen konnten, hat sich das in den vergangenen eineinhalb Jahren noch weiter verschärft. Es gelte jetzt, der Berufsorientierung neuen Rückenwind zu geben, sagte Dulger.

Gewerkschaftsvertreter sehen aber auch die Unternehmen selbst in der Pflicht, mehr auf der Angebotsseite zu tun. Nur knapp 20 Prozent der Betriebe bildeten aus, aber 100 Prozent profitierten von den ausgebildeten Fachkräften, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack.

„Ja, Ausbildung ist aufwendig – aber die Arbeitgeber können nicht auf der einen Seite über fehlende Fachkräfte klagen und dann selbst immer weniger ausbilden.“ Sie forderte einen finanziellen Ausgleich über eine Ausbildungsumlage zwischen Betrieben, die ausbilden, und denen, die das nicht tun.

Regierung zahlt Azubi-Prämien

Um die Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern, hatte die Bundesregierung sogenannte Azubi-Prämien von 6000 Euro für Betriebe aufgelegt. Daneben werben Bund, Länder, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften gemeinsam mit einem Aktionsprogramm „Sommer der Berufsausbildung“ dafür, dass sich junge Leute für eine Ausbildung entscheiden.

Auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene gibt es verschiedene Informations- und Beratungsveranstaltungen zum Thema, etwa Online-Seminare für Eltern, damit sie ihre Kinder noch besser bei der Suche unterstützen können.