Die Impfkampagne soll kräftig beschleunigt werden, klappt das? dpa/Frank Molter

Inmitten der bedrohlichen vierten Corona-Welle muss und soll es jetzt schnell gehen: Mit härteren Alltagsbeschränkungen, um das Virus schleunigst unter Kontrolle zu bringen. Aber parallel auch mit viel mehr Impfungen in kürzester Zeit, nachdem die Kampagne zuletzt über Wochen nur noch schleppend vorangekommen war. Dafür soll im Advent die größte Operation in Gang kommen, „die seit langer Zeit gemeistert werden musste“. So formulierte es der designierte Kanzler Olaf Scholz (SPD), der auch die ehrgeizige Zielmarke ausgab: Bis zu 30 Millionen Bundesbürger sollen bis Jahresende geimpft werden. Für die Umsetzung bedeutet das nun vielerorts einen ziemlichen Kickstart.

Das Impfziel: Im Fokus stehen besonders Verstärker („Booster“) länger zurückliegender vollständiger Impfungen, die bisher 55 Millionen Menschen haben. Bekommen sollen sie zunächst vor allem Leute, bei denen die zweite Spritze mindestens fünf oder sechs Monate her ist. Schon „geboostert“ sind nun 10,4 Millionen Menschen, es sollen aber bis Ende des Jahres deutlich mehr werden.

Das Tempo: Klar ist, dass dafür abrupt beschleunigt werden muss. „Wir fordern einen Impfknall“, sagte Städtetagspräsident Markus Lewe (CDU) im Sender Welt. Impfwillige dürften jetzt nicht lange Schlange stehen. Die Impfungen legen schon zu. Aber reicht das so? „Um vor die vierte Welle zu kommen, müssen wir täglich mindestens 1,4 Millionen Menschen impfen“, sagte kürzlich die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar.

Die Großoperation: Eilig aufgebaut werden soll dafür jetzt wieder ein größeres Netz öffentlicher Impfstellen neben den Arztpraxen. Die Ärzte sind laut KBV jetzt in 100.000 Praxen am Start, mehr denn je.

Der Impfstoff: Vielerorts wird über mangelnden Nachschub geklagt, doch das Gesundheitsministerium versicherte: „Es ist genügend Impfstoff da.“ In dieser und der vergangenen Woche seien insgesamt 18 Millionen Dosen ausgeliefert worden, weitere zehn Millionen sollen kommende Woche folgen – zusammen also schon einmal 28 Millionen Dosen zum direkten Einsatz. „Geboostert“ wird mit den Mitteln von Biontech und Moderna, wobei der Bund für Biontech gerade bis auf weiteres Bestell-Obergrenzen einführte – denn für den bisher am häufigsten genutzten Impfstoff leeren sich die Lager schnell. In vielen Praxen wirbelte das aber schon Terminplanungen durcheinander.

Die Verteilung: Beim Umstellen auf Hochbetrieb hapert's gewaltig. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) warnte, das 30-Millionen-Ziel sei „gefährdet“. Der Hausärzteverband Hessen beklagte, dass jetzt nicht genug Impfstoff ankomme, sei „eine vollständige Katastrophe“. Das Ministerium in Berlin erläutert, es hänge auch vom Bestellverhalten ab. Jeweils bis Dienstagmittag müssen Abnehmer ordern, geliefert wird am folgenden Montag – so laufe das seit April. Vergangene Woche hätten manche aber verspätet bestellt, was oft nicht mehr zu bedienen gewesen sei. Zehn Bundesländer hätten Probleme an den Bund zurückgemeldet.

Die Beschleuniger: Vorantreiben soll die Großoperation ein neuer Bund-Länder-Krisenstab im Kanzleramt, für den Scholz Generalmajor Carsten Breuer als Leiter loseiste. Der 57-Jährige führt das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr, das auch für die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen zuständig ist. Offen ist, wie schnell noch zusätzliche Impfkräfte mobilisiert werden können. Die Apotheken boten schon Hilfe an, auch Zahnärzte könnten einspringen.

Der Stresstest: Die „Booster“-Offensive ist es für Impfstellen nun nicht allein. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erinnerte an weiterhin wichtige Erstimpfungen. Noch immer seien von 69 Millionen Erwachsenen zwölf Millionen nicht geimpft. Zu viele, um das Gesundheitssystem angesichts der Virusvarianten Delta und Omikron vor Überlastung zu schützen.

Außerdem sollen bald auch Impfungen von Kindern von fünf bis elf Jahren anlaufen. Biontech zieht die Auslieferung seines Kinderimpfstoffes um eine Woche auf 13. Dezember vor. In einer ersten Lieferung soll Deutschland 2,4 Millionen Dosen bekommen.