Ussama Dschari (l.) mit einem Patienten in Mykolajiw. Die Stadt wird immer wieder von den Russen bombardiert. AFP/Bulent Kilic

Er kam aus Syrien in die Ukraine, um mit seiner ukrainische Ehefrau endlich in Frieden leben zu können. Doch Ussama Dscharis Traum von einem geruhsamen Leben in der Hafenstadt Mykolajiw am Schwarzen Meer ist im russischen Kugelhagel gestorben. Dschari wurde vom Krieg eingeholt, vor dem er aus Syrien einst geflohen war.

Krankenhaus-Patienten müssen Nächte im Keller verbringen

Der Augenarzt aus Syrien versorgt ungeachtet des Beschusses im Krankenhaus weiter seine ukrainischen Patienten, die Nacht haben alle zusammen wegen der russischen Angriffe auf Matratzen im Keller verbringen müssen.

Über seine Arztkleidung hat Dschari wegen der Kälte einen Anorak gezogen, die Patienten liegen mit dicken Pullovern unter ihren Decken. Die Augenklinik liegt nahe der Frontlinie im Stadtteil Inhulskyj, wo sich auch ein Krebskrankenhaus und ein Waisenheim befinden. In der Nacht zum Sonnabend wurde das Viertel pausenlos angegriffen, zersplitterte Fenster und Krater auf der Straße zeugen von dem Beschuss.

Neun Tote bei Angriffen auf Mykolajiw

„Alles hat gezittert. Wir wussten nicht, ob das Krankenhaus noch stehen würde, als wir aus dem Keller hochkamen“, sagt Krasimira Rilkova, die Direktorin der Augenklinik, und sieht genauso erschöpft aus wie ihr Kollege Ussama Dschari. Die Behörden von Mykolajiw berichten am Sonntag von neun Todesopfern bei russischen Angriffen.

„Ich kann es einfach nicht glauben“, sagt Dschari. „Wir haben hier ruhig gelebt.“ Die Argumentation Moskaus, dass mit dem Militäreinsatz im Nachbarland die Bevölkerung „gerettet“ werden solle, findet er absurd. „Was machen die Russen? Wovor wollen sie uns retten? Vor sich selbst?“

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Dschari kennt den Krieg aus seiner Heimat. Während seines Studiums in der Ukraine hatte er seine Ehefrau kennengelernt und war mit ihr nach Damaskus zurückgegangen. Von dort flüchtete er 2014, „um Frieden zu finden“, wie er erzählt. Doch nun sind sie wieder in einem Krieg. „Syrien und die Ukraine sind jetzt in der gleichen Situation“, sagt Dschari traurig. „Krieg ist Krieg – ob er nun dort ist oder hier.“

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Ussama Dschari (l.) arbeitet trotz ständiger Angriffe weiter. AFP/Bulent Kilic

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Zu den Patienten gehören auch der 14-jährige Timor und seine Mutter Natalja Malischka. In den ersten Kriegstagen hatte Timor mit seinem Großvater Holz zum Heizen gehackt und dabei einen Splitter ins Auge bekommen. Er konnte nicht sofort ins Krankenhaus, weil keine Busse fuhren. Inzwischen hat er es geschafft, die Verletzung ist aber durch die Verzögerung deutlich schlimmer geworden.

Seine Mutter zittert am ganzen Körper, während sie erzählt, dass sie noch zwei andere Söhne im Alter von zehn und zwanzig Jahren hat: „Ich bin zerrissen. Wenn ich hier bei Timor bin, weiß ich, dass mein Kleiner zu Hause ist. Und ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehe. Wenn ich wiederum beim Kleinen bin, weiß ich nicht, was mit Timor passiert.“

In der Nacht der russischen Angriffe auf Inhulskyj war Malischka zu Hause. Sie fand es beruhigend, zu wissen, dass Timor mit den Ärzten im Krankenhauskeller ist. „Aber er hat mich angerufen, er war völlig verängstigt.“

Auch das Krankenhauspersonal fürchtete sich, auch wenn es nach eigenen Angaben versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Alles hat gewackelt“, berichtet Klinikchefin Krasimira Rilkowa. „Wir haben nicht gewusst, ob das Krankenhaus noch stehen wird, wenn wir aus dem Keller kommen.“ Diesmal stand das Gebäude noch – doch alle fürchten den nächsten Angriff.