Karl Lauterbachs Pläne gegen Arzneimittel-Engpässe werden von Experten zerpflückt.
Karl Lauterbachs Pläne gegen Arzneimittel-Engpässe werden von Experten zerpflückt. imago/Frederic Kern

Fehlende Medikamente, gerade für Kinder. Außerdem überfüllte Kliniken, kranke Patienten, Ärzte und Pflegekräfte – das deutsche Gesundheitssystem ächzt nach den Corona-Jahren weiter. Bringen nun die Maßnahmen der Bundesregierung die Wende?

Mitnichten, befürchten Hausärzte und Apotheker. Sie rechnen trotz der angekündigten Gegenmaßnahmen mit einem anhaltenden Medikamentenmangel in den kommenden Monaten. „Die jetzt diskutierten Maßnahmen werden in der hausärztlichen Versorgung kurzfristig nur bedingt helfen“, sagte Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vizevorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, der Rheinischen Post. „Die Lieferengpässe sind in den Hausarztpraxen sehr deutlich zu spüren.“ Ärzte müssten inzwischen sehr viel Zeit investieren, um, sofern dies überhaupt möglich ist, Medikationen umzustellen.

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Medikamente sind knapp, neben Erkältungsmitteln sind sogar Krebspräparate teils Mangelware.
Medikamente sind knapp, neben Erkältungsmitteln sind sogar Krebspräparate teils Mangelware. dpa/Monika Skolimowska

Lieferengpässe bei weiteren Medikamenten drohen

Auch der Apothekerverband Nordrhein erwartet lang anhaltende Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten. „Es wird viele Monate dauern, bis die Versorgungssituation besser wird. Wir gehen davon aus, dass die Lieferprobleme auch 2023 anhalten und noch weitere Arzneimittel betroffen sein werden“, sagte Verbandschef Thomas Preis der Zeitung. „Täglich werden neue Medikamente knapp: Aktuell fehlen Mittel zur Desensibilisierung von Allergikern, die sollen erst im Mai kommen – wenn die Pollensaison schon begonnen hat – dann kann man aber nicht mehr desensibilisieren.“ Die Pläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) seien nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Streit um höhere Preise für Arzneimittel

Lauterbach will das Angebot wichtiger Arzneimittel besonders für Kinder besser gegen Lieferengpässe absichern. Eckpunkte für ein Gesetz sehen unter anderem neue Preisregeln vor. „Wir sehen das Problem schon lange. Wir müssen einen Teil der wichtigen Wirkstoffe wieder in Europa produzieren lassen. Und da hilft nur der Zwang, dass die Krankenkassen dann auch aus Europa kaufen müssen“, so Lauterbach im ZDF.

Nicola Buhlinger-Göpfarth beim Impfen. Die Vizechefin des Deutschen Hausärzteverbandes befürchtet monatelange Arznei-Engpässe.
Nicola Buhlinger-Göpfarth beim Impfen. Die Vizechefin des Deutschen Hausärzteverbandes befürchtet monatelange Arznei-Engpässe. dpa/Christoph Schmidt

Umstritten ist besonders sein Kurs weg von den Rabattverträgen für die Arzneimittel, die dazu führten, dass der Verkauf in Deutschland nicht mehr attraktiv sei. Dass Krankenkassen deshalb aber künftig bis zu 50 Prozent mehr für bestimmte Medikamente zahlen müssten, sei ein „Weihnachtsgeschenk an die Pharmaindustrie“, mahnte Florian Lanz vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Dies sei ein Signal an die Branche, deutlich mehr Geld verdienen zu können. Skeptisch zeigte sich auch Hans-Peter Hubmann, Chef des Bayerischen Apothekerverbands. Höhere Preise böten zwar einen Anreiz, die Medikamente schnell nach Deutschland zu liefern, das gehe aber nicht „von jetzt auf nachher“.

Also keine Abhilfe in der aktuellen Krise, in der neben Corona auch andere Atemwegserkrankungen wie RS-Viren für viele schwere Infekte und überlastete Kliniken sorgen. Der Deutsche Städtetag appellierte an die Arztpraxen, die Öffnungszeiten zu verlängern. „Bitte prüfen Sie, Ihre Praxen auch noch nach 18 Uhr, am Samstag und Sonntag und an den Feiertagen offen zu halten“, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Bei einfachen Erkrankungen sollten Patienten die Nummer der ambulanten Notfallversorgung der niedergelassenen Ärzte, 116 117, wählen und nicht die Nummer 112 des örtlichen Rettungsdienstes. Diese sei nur für echte Notfälle gedacht.