Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock.
Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock. dpa/Kay Nietfeld

Kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz COP27 in Ägypten hat Deutschland die Eindämmung der Erderwärmung als höchste Priorität bezeichnet. „Die Menschheit steuert auf einen Abgrund zu, auf eine Erwärmung von über 2,5 Grad, mit verheerenden Auswirkungen auf unser Leben auf dem einzigen Planeten, den wir haben“, teilte Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) am Sonntag mit. Die Welt habe „alle nötigen Instrumente in der Hand, um die Klimakrise zu begrenzen und auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen“.

Die Welt ist nicht auf 1,5-Grad-Kurs

So optimistisch wie die deutsche Außenministerin waren zuletzt aber nur wenige Wissenschaftler. Denn die stellen vor allem den Industriestaaten wie Deutschland ein vernichtendes Zeugnis bei der Bekämpfung der Klimakrise aus. Anstatt sich in Richtung des 1,5-Grad-Zieles zu entwickeln, steuere die Welt in Untätigkeit eher auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zu, berechnete die Non-Profit-Organisation CDP im September. Ein Modell des Uno-Klimasekretariats geht von einer Erwärmung von 2,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Es gebe demnach nur noch einzelne Hoffnungsschimmer.

Und die sollen nun bei der am Sonntag beginnenden Konferenz, die erstmals seit 2016 wieder in Afrika stattfindet, ausgelotet werden. Insgesamt 40.000 Teilnehmer werden auf der COP27 erwartet. Vertreter aus knapp 200 Staaten verhandeln in Scharm el Scheich zwei Wochen lang darüber, wie der Kampf gegen die Erderhitzung verstärkt werden kann. Die Zeit drängt, denn die vergangenen sieben Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Extremwetterereignisse unter anderem in Pakistan, Nigeria und Somalia zeigten zuletzt, welche enormen Schäden und welch tödliche Zerstörungskraft der Klimawandel birgt.

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Ein Mann in Pakistan transportiert die Habseligkeiten, die er retten konnte auf seinem Floß.
Ein Mann in Pakistan transportiert die Habseligkeiten, die er retten konnte auf seinem Floß. dpa/Fareed Khan

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Laut ersten Veröffentlichungen von Forschern im Vorfeld müssten die weltweiten Emissionen klimaschädlicher Treibhausgase schon bis 2030 um etwa die Hälfte sinken. Anders ist demnach das auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 gemeinsam vereinbarte Ziel nicht zu erreichen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Das Ziel ist deshalb so in Gefahr, dass die Klimaschutzpläne der Staaten eben kein Absinken der Emissionen verursachen, sondern einen weiteren Anstieg.

Trotz des russischen Angriffskriegs in der Ukraine dürfe 2022 „kein verlorenes Jahr für den Klimaschutz werden. Für viele Staaten geht es um das Überleben ihrer Bevölkerung und ihrer Kultur“, teilte Baerbock mit den Ministerien für Wirtschaft, Entwicklung und Umwelt mit. „Für sie ist die Klimakrise weiterhin das wichtigste Sicherheitsthema, nicht Russlands Krieg in Europa.“ Diese Staaten würden von den reichen Ländern mehr Solidarität erwarten.

COP27: Erwartungen an Klimagipfel gering

Wegen des laufenden Kriegs in Europa, aber auch wegen der damit teilweise zusammenhängenden Krisen bei Energie, Ernährung, Wirtschaft sowie wachsende Staatsschulden sind die Erwartungen an die Klimakonferenz eher gedämpft - auch im Vergleich zur COP26 vor einem Jahr in Glasgow. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bewertete die Erfolgsaussichten vorab als gering. Auch der renommierte Klimaökonom Ottmar Edenhofer und Klimaforscher Mojib Latif gaben sich vorab resigniert.

Die Konferenz sollte am Sonntagmorgen förmlich eröffnet werden mit einer Übergabe des britischen COP26-Präsidenten Alok Sharma an seinen Nachfolger, Ägyptens Außenminister Samih Schukri. Ab Montag werden am Roten Meer dann rund 100 Staats- und Regierungschefs erwartet, darunter auch Bundeskanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden. Mit Chinas Staatschef Xi Jinping und Indiens Premierminister Narendra Modi, deren Länder mit den USA zu den größten CO2-Emittenten zählen, werden zwei der wichtigsten Spitzenfiguren bei der Konferenz aber fehlen. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin nimmt nicht daran teil.