Die Türme des World Trade Centers stürzten bei den Anschlägen vom 11. September 2001 ein. dpa/New York City Police/epa/ABC NEWS/HO

Kurz vor dem 20. Jahrestag der Anschläge von 9/11 schloss sich ein Kreis – und es war eine Demütigung für den Westen. Mitte August eroberten die radikalislamischen Taliban in Afghanistan die Macht zurück, von der die USA sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vertrieben hatten. Der Fall von Kabul bestärkt Kritiker des „Krieges gegen den Terrorismus“. Doch die USA sind ohnehin dabei, ihren Fokus auf andere Herausforderungen zu legen – etwa auf die großen Rivalen China und Russland.

Es war ein sonniger Morgen vor 20 Jahren, als die Weltmacht USA von den schlimmsten Terroranschlägen ihrer Geschichte erschüttert wurde. Von Islamisten des Terrornetzwerks Al-Kaida entführte Flugzeuge rasten in das World Trade Center in New York und in das Verteidigungsministerium in Washington, fast 3000 Menschen wurden getötet. Der damalige US-Präsident George W. Bush kündigte Vergeltung an – und startete einen beispiellosen Feldzug gegen den Dschihadismus.

Anschlägen folgte der Krieg in Afghanistan und im Irak

Auf den Einmarsch in Afghanistan, wo die Taliban Al-Kaida Unterschlupf gewährt hatten, folgte 2003 der Einmarsch im Irak. Doch auch in zahlreichen weiteren Ländern schlugen die US-Streitkräfte mit ihren Drohnen zu, etwa in Pakistan, Somalia und im Jemen.

Feuerwehrleute klettern über die Trümmer des zweiten Turms des World Trade Centers. dpa/Randy Taylor

Die Bilanz: Einen weiteren Anschlag wie den vom 11. September haben die USA nicht mehr erlitten, Al-Kaida-Chef Osama bin Laden wurde 2011 in Pakistan von US-Elitesoldaten erschossen, der irakische Diktator Saddam Hussein wurde gestürzt und hingerichtet, und in Afghanistan wurden Wahlen und Frauenrechte eingeführt.

Doch laut einer Schätzung der Brown University von Ende 2019 fielen dem Krieg gegen den Terrorismus mehr als 800.000 Menschen zum Opfer, die meisten von ihnen Zivilisten im Irak und in Afghanistan. Die finanziellen Kosten für die USA bezifferten die Wissenschaftler auf mehr als 6,4 Billionen Dollar (rund 5,4 Billionen Euro).

Experten zufolge gibt es jetzt weltweit zwei- bis dreimal so viele Dschihadisten wie 2001, die Zahl der Anschläge und Anschlagsopfer hat sich verdreifacht, unter anderem in Folge des Aufstiegs der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Und mit der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan zerschlugen sich die Hoffnungen auf eine demokratische Entwicklung am Hindukusch.

2011 zog Präsident Barack Obama die US-Truppen aus dem Irak ab – um sie später zurück in den Kampf gegen den IS zu schicken. imago

Der Historiker Andrew Bacevich, Mitbegründer der Denkfabrik Quincy Institute for Responsible Statecraft, sieht den Krieg gegen den Terrorismus als Folge einer „ideologischen Überheblichkeit“ der USA zur Jahrtausendwende. Nach dem Untergang der Sowjetunion und dem Golfkrieg 1991 hätten die USA sich für militärisch unbesiegbar gehalten.

Die Bush-Regierung habe die Terroranschläge vom 11. September nicht nur als „unverzeihliche Beleidigung“ angesehen, sondern auch als „großartige Gelegenheit“, ihre weltweite Vormachtstellung endgültig unter Beweis zu stellen, sagt Bacevich. „Das war eine schreckliche Fehleinschätzung, für die wir heute noch den Preis zahlen.“

Die USA wurden im Laufe der Jahre angesichts in Särgen zurückkehrender Soldaten zunehmend kriegsmüde. Während Präsident Barack Obama die US-Truppen 2011 aus dem Irak abzog – um später im Kampf gegen den IS Tausende Soldaten zurückzuschicken – vereinbarte sein Nachfolger Donald Trump im Februar 2020 mit den Taliban einen vollständigen Truppenabzug aus Afghanistan. Den vollzog schließlich sein Nachfolger Joe Biden – mit den bekannten Folgen.

Der Politik-Veteran hatte den US-Ambitionen am Hindukusch schon in seiner Zeit als Vizepräsident kritisch gegenübergestanden. In seinen Augen sollten die USA sich auf andere Regionen konzentrieren, insbesondere auf das aufstrebende China, das inzwischen als größte geopolitische Herausforderung angesehen wird.

„Wir kommen jetzt am Ende eines strategischen Zyklus an, und es schließt sich eine Klammer, in welcher der internationale Dschihadismus der einzige erklärte Feind war“, sagt der französische Politikwissenschaftler und Historiker Elie Tenenbaum. „Der strategische Wettbewerb zwischen Großmächten ist wieder das internationale Paradigma.“

Terrorgefahr ist längst nicht gebannt

Dass die Terrorgefahr 20 Jahre nach 9/11 gebannt ist, bedeutet das aber keineswegs. Der frühere Nationale Sicherheitsberater John Bolton warnt, dass Afghanistan wieder ein „Rückzugsort“ für Terrorgruppen werden könnte. Der Afghanistaneinsatz war für den umstrittenen außenpolitischen Hardliner „eine Versicherung gegen einen neuen 9/11-Anschlag, und es hat funktioniert“.

Biden sieht das anders. Er will 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September eine neue außen- und verteidigungspolitische Ära einläuten – und die US-Bürger davon überzeugen, dass er so für ihre Sicherheit sorgen kann.