Ein „Wafer“, auf dem viele, viele Mikrochips hergestellt werden. Fehlt eine Folie, die über den Wafer gezogen wird, sind die Halbleiter für Spielkonsolen nicht zu verwenden. Foto: dpa/Robert Michael

Seit Monaten die immer gleiche Leier: Überall fehlen Chips, und nicht die aus Kartoffeln. Das Ausbleiben von Mikroprozessoren bremst nicht nur die Autoindustrie, vielmehr konnte das Beratungsunternehmen Goldman Sachs 169 Branchen identifizieren, die unter dem ständigen Chipmangel zu leiden hatten. Das reicht von Handy- über Computer-Hersteller bis hin zu Produzenten medizinischer Geräte.  Das wird auch 2022 so weiter gehen, aber warum?

Anfang 2020, als Corona die Weltbühne betrat, fürchtete die Automobilbranche eine schwächere Nachfrage. Tatsächlich brachen die  Verkäufe im Frühjahr 2020 kurz ein. Fast panikartig stornierten die Chef-Einkäufer der Autokonzerne ihre Aufträge an große Chiphersteller wie TSMC in Taiwan. Das sollte sich als folgenschwere Fehleinschätzung erweisen.

„Plötzlich stieg die Nachfrage nach Autos nämlich wieder stark an“, sagt Kota Yuzawa, Automobil-Analyst bei Goldman Sachs. Die stornierten Fertigungskapazitäten in der Chipindustrie standen  aber nicht mehr zur Verfügung. Sie waren inzwischen längst an die Hersteller von Unterhaltungselektronik weitergereicht worden. Arbeiten, Lernen und Freizeit sorgten für erhöhte Nachfrage nach Smartphones, Tablets, Laptops und Spielekonsolen. Damit waren die globalen Chip-Vorräte schnell aufgebraucht.

Schneesturm, Stromausfall – Chipfabrik außer Betrieb

Im Februar 2021 mussten Chiphersteller wie Samsung, NXP und Infineon den Betrieb in Austin, Texas, stoppen. Nach heftigen Schneestürmen war die Stromversorgung ausgefallen, die Halbleiter-Fabriken, die sogenannten Fabs, konnten nicht  kontrolliert heruntergefahren werden, die Anlagen nahmen Schaden. 

Auch in Japan kam es zu Ausfällen. So wurde beispielsweise eine Fertigungsanlage des Chip-Herstellers Renesas Electronics im März 2021 bei einem Großfeuer beschädigt.

Als wäre das noch nicht genug, trug auch die große Politik zum globalen Chipmangel bei. Der damalige US-Präsident Donald Trump hatte sich vorgenommen, den globalen Einfluss von chinesischen Hightech-Konzernen wie Huawei zu begrenzen und verhängte unter anderen Sanktionen im Bereich der Chiptechnologie. Daraufhin kauften chinesische Unternehmen im großen Stil noch verfügbare Chips und Herstellungsanlagen ein.

Eine spezielle Folie gibt es nur von einem Hersteller weltweit

Eine einfache Lösung ist nicht in Sicht, zumal es in verschiedenen betroffenen Branchen unterschiedliche Engpässe gibt. Der Automobilindustrie fehlen die Chips, weil die Herstellung der Halbleiter den Bedarf nicht decken kann. Bei Spielekonsolen wie der Playstation 5 von Sony wurde die Knappheit durch das Fehlen einer speziellen Isolierfolie verursacht, die für die Produktion von Trägerplatten für die bereits gefertigten Chips benötigt wird. Für den Grundstoff der so genannten ABF-Folie gibt es aber weltweit nur einen Hersteller, den japanischen Konzern Ajinomoto.  Auf Druck der Kunden baut Ajinomoto nun seine ABF-Produktion aus.

Und auch die großen Chiphersteller wie Intel und Infineon schrauben ihre Fertigungskapazitäten in die Höhe, damit die Knappheit im nächsten Jahr gemildert und im Jahr 2023 komplett überwunden wird. Doch selbst mit Milliarden-Investitionen kann man nicht an der Uhr drehen. „Der Ausbau unserer bestehenden Fabs in Irland dauert zwischen 18 und 24 Monaten“, sagt die Deutschland-Chefin von Intel, Christin Eisenschmid. Beim Neubau einer Anlage müsse man sogar mit vier Jahren rechnen. „So eine Fabrik ist hochkomplex, erfordert ein gewaltiges Investitionsvolumen, damit die neuste Ausrüstung angeschafft werden kann.“

Aber nicht nur die Beteiligten an der Produktion der Halbleiter erledigen ihre Hausaufgaben, sondern auch die Abnehmer - beispielsweise in der Automobilindustrie: In dem europaweiten Partnernetzwerk Catena-X wollen beispielsweise die wichtigsten Player - von BMW und Bosch über Mercedes-Benz bis hin zu Volkswagen - ihre Lieferketten transparenter machen. Damit sollen auch die Chiphersteller besser kalkulieren können, ob nur kurzfristig ein Nachfrage-Strohfeuer lodert oder ob sich ein Ausbau in bestimmten Segmenten langfristig lohnt.

Chip-Produktion ist aus Europa abgewandert

Bei der Bewältigung der Chipkrise rechnen alle Beteiligten aber auch damit, dass sich der Staat aktiv beteiligt. „Wir sind bereit, ein Investment in Höhe von mehreren Milliarden Euro zu tätigen“, sagt Intel-Managerin Eisenschmid. „Wir schaffen es aber nicht allein.“ In anderen Regionen der Welt werde die Chip-Herstellung massiv subventioniert. „Das ist auch der Grund, warum sich die die Fertigung von Europa nach Asien und verschoben hat.“ Aktuell stammten rund 9 Prozent der globalen Halbleiter-Fertigung aus Europa. „Das waren in den 90er Jahren noch 44 Prozent.“