Bundeswehr-Soldaten brachten Afghanen in Kabul sicher zu ihrem Rettungsflug. AP/Davis Harris/U.S. Marine Corps

In ständiger Angst vor einem neuen blutigen Terroranschlag setzt das US-Militär seine letzten Rettungsflüge aus Afghanistan fort. Die Bundeswehr hatte ihre Luftbrücke bereits am Donnerstag beendet, nach offiziellen Angaben hatte die Truppe binnen elf Tagen mehr als 5300 Menschen aus mindestens 45 Ländern evakuiert, darunter rund 500 Deutsche.

Doch mit den Evakuierungsflügen wurden offenbar weit weniger Ortskräfte aus Afghanistan in Sicherheit gebracht als bisher gedacht. Unter den bis Mitte der Woche etwa 4500 Ausgeflogenen waren nur knapp mehr als 100 Ortskräfte mit ihren Familien, berichtete die Welt am Sonntag (WamS). Insgesamt mache diese Gruppe rund 500 Menschen aus, wie entsprechende erste Zahlen zeigen, die das Bundesinnenministerium im Bundestag präsentiert habe.

In Taschkent (Usbekistan) stiegen die Schutzbedürftigen aus Afghanistan auf zivile Flüge um. dpa/Marc Tessensohn/Bundeswehr

Angesichts der unübersichtlichen Evakuierungen aus Kabul werde allerdings davon ausgegangen, dass sich mehrere Ortskräfte derzeit womöglich noch in anderen europäischen Ländern aufhielten. Eine Anfrage dazu habe das Bundesinnenministerium unbeantwortet gelassen, schrieb die WamS weiter.

SPD-Innenexperte Uli Grötsch kritisierte das Innenministerium. „Dass im Zuge der Evakuierung bis Mitte der Woche nur über 101 gerettete Ortskräfte Gewissheit herrschte, ist ein Problem“, sagte er der WmS. Seit Monaten habe die SPD den Koalitionspartner von der Union dazu aufgefordert, „seiner Verantwortung gerecht zu werden“. „Jetzt hoffe ich, dass wir möglichst vielen Ortskräften noch helfen können“, fügte Grötsch hinzu.

Rettungsmission zu spät gestartet

Die Bundesregierung steht massiv in der Kritik, weil sie afghanische Ortskräfte und andere gefährdete Afghanen nicht schon vor der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban ausgeflogen hat.

So warf auch die private Rettungsinitiative „Luftbrücke Kabul“ der Bundesregierung jetzt fehlende Unterstützung und massive Widerstände gegen eine vorbereitete Evakuierung von Schutzbedürftigen vor. „Mit immensem Aufwand konnten wir 18 gefährdete Ortskräfte aus Kabul in Sicherheit bringen. 18 Menschenleben, dabei hätten es Hunderte mehr sein können, wenn unsere Rettungsaktion nicht aktiv vom Auswärtigen Amt blockiert worden wäre“, hieß es in einer Erklärung, die am Sonntag auf der Internetseite der zivilgesellschaftlichen Initiative verbreitet wurde.

Vorwürfe: Bundesregierung verweigerte Rettungstransport

Die Rettungsmission hatte eine Chartermaschine nach Kabul geschickt, um Gefährdete auszufliegen. Doch die Bundesregierung „weigerte sich, eine E-Mail zu schreiben, um den Transport freizugeben“, hieß es. Aus dem Kabinett wurde die Kritik zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass freie Sitzplatzkapazitäten nie der Engpass der Evakuierung gewesen seien, wohl aber der sichere Transport von Schutzbedürftigen zum Flughafen durch die Blockaden der Taliban.

Verhandlungen mit Afghanistans Nachbarstaaten

Weiterhin verspricht die deutsche Regierung den Zurückgelassenen in Afghanistan Hilfe. Außenminister Heiko Maas (SPD) startete dafür zu einer mehrtägigen Reise nach Tadschikistan, Usbekistan, Pakistan, Katar sowie in die Türkei. Er wolle sich mit Afghanistans Nachbarstaaten beraten, „wie Deutsche, unsere Ortskräfte und weitere schutzbedürftige Afghaninnen und Afghanen schnell und sicher nach Deutschland gelangen können“, so der Minister.

Zahlreiche im Land verbliebene Afghanen fürchten eine neue Schreckensherrschaft der Taliban wie zwischen 1996 und 2001. Die Vereinten Nationen rechnen mit bis zu einer halben Million weiteren afghanischen Flüchtlingen bis Jahresende.