Vor zehn Jahren herrschte Bewegung auf dem Tahrir-Platz in Kairo - heute ist Ägypten wieder in einer Diktatur erstarrt. Foto: oicture alliance/dpa

Als die junge Gigi Ibrahim am 25. Januar 2011 in den Norden der ägyptischen Hauptstadt fährt, ahnt sie nicht, was sich an jenem Nachmittag am Tahrir-Platz zusammenbrauen wird. Im von christlichen Kopten bewohnten Viertel Schubra soll die Demokratie-Aktivistin mobil machen zum Protest. Der Marsch zu dem zentralen Platz, bewusst gelegt auf den landesweiten Polizei-Feiertag, soll eigentlich ein Zeichen setzen gegen Polizeigewalt. Für Massen von Ägyptern, die zeitgleich aus anderen Stadtteilen ins Zentrum ziehen, wird es ein Protest gegen Präsident Husni Mubarak und 30 Jahre Gewaltherrschaft, die dann am 11. Februar - heute vor zehn Jahren -  tatsächlich endet.

10, vielleicht 15 Demonstranten seien sie in Schubra zunächst gewesen, erzählt Ibrahim, die heute Unternehmerin ist. Aber die vielen Zivilbeamten hätten die Gruppe größer wirken lassen - und mehr Menschen angelockt. Als sie gegen 16 Uhr am Tahrir eintrifft, sieht sie  Scharen aus allen Richtungen auf den Platz strömen. „Da wurde mir klar, dass diese Sache so viel größer ist als unser Marsch“, sagt Ibrahim.  Tagelange, teils tödliche Zusammenstöße mit Sicherheitskräften sollten folgen.

Schließlich gab Mubarak dem Druck von Volk und Militär nach, legte das Amt nieder und ließ Ägypten jubeln.  

Viele trugen den Reformgeist zu ihren Familien, an Hochschulen und Arbeitsplätze. Rund 300 unabhängige Gewerkschaften bildeten sich, an Unis wurden erstmals freie Wahlen abgehalten und die strenge Kontrolle durch Polizei und Geheimdienste gebrochen. 

Der Offizier und abgetretene Präsident Hosni Mubarak lag bei seinem Prozess 2012 auf einer Krankentrage. 2020 ist er gestorben. Foto: Str/EPA FILE/dpa

Aber der Umbruch blieb stecken. Die linken, liberalen, säkularen und islamistischen Kräfte hatten sich zwar 18 Tage lang zum Aufruhr zusammengeschlossen, aber es gab keinen Plan. Der Oberste Militärrat (SCAF)  übernahm die Kontrolle. Die Muslimbrüder - heute als „Terrororganisation“ verboten - gingen stillschweigend ein Bündnis mit dem Militär ein, um den eigenen Sieg bei den bevorstehenden Wahlen zu sichern, bei denen ihr Kandidat  Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt wurde. Der zunehmend unbeliebte Politiker wurde im Sommer 2013 bei einem Militärputsch - finanziert von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten - entmachtet.

Mit Abdel Fattah al-Sisi trat ein Armeechef an die Spitze, den Fans als starken Mann ehren. Seine Gegner sagen, er habe einen brutalen Polizeistaat geschaffen, schlimmer als unter Mubarak. Kurz nach der Machtübernahme wurde ein Protestcamp der Muslimbrüder 2013 blutig zerschlagen, es soll 817 Tote gegeben haben. Kritiker Al-Sisis sind verstummt, im Exil oder in Haft.  

Der Universitätsdozent Ahmed Alaa Fajid hofft weiter auf Veränderungen zum Guten. Foto: -/Ahmed Alaa Fajid/dpa

Oft unter Einsatz von Freiheit und Leben dokumentieren Menschenrechtler oder Journalisten der letzten unabhängigen Nachrichtenseite Mada Masr Missstände. „Es geht nur darum, nicht aufzugeben“, sagt Ahmed Alaa Fajid, Dozent für Management und Politikwissenschaft an der Nil-Universität. Parteien hält er für sinnlos, die Opposition für nicht existent.

Um einen Sitz im Parlament bewarb er sich im Herbst mit nur 30 Jahren trotzdem als Unabhängiger- vergebens. „Ich wusste vom ersten Tag an, dass ich nicht gewinnen würde“, sagt Fajid. Aber sein politischer Probelauf könne später vielleicht noch etwas bewirken. „Denn Veränderung passiert, wenn man es am wenigsten erwartet“. Fajids Kampagne - soziale Gerechtigkeit, mehr Rechte für Frauen und junge Menschen - klingt wie ein Echo der Rufe nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit 2011.