Ein leerer ICE.  Foto: dpa/Martin Schutt

Es ist ein Glücksspiel: Wer aktuell mit der deutschen Bahn fährt, erfährt oft erst im Zug, ob es auf der Fahrt möglich sein wird, die Abstandregeln zum Infektionsschutz einzuhalten, oder ob man vielleicht in einem Viererplatz mit drei fremden Menschen sitzen muss, die, um ihren Kaffee zu trinken, eine Stunde lang ihren Mundschutz abnehmen. Denn die Bahn sperrt sich weiterhin dagegen, die buchbaren Plätze in einem Zug zu limitieren oder eine Reservierungspflicht einzuführen. Bahnfahren sei mit Mundschutz sicher genug, heißt es vom Staatskonzern. Doch offenbar nicht sicher genug für Mitarbeiter der obersten Bundesbehörden, wie die „Süddeutsche Zeitung“ nun berichtet. Denn die dürfen sich offenbar einen zweiten Platz auf Kosten des Bundes buchen, um besser Abstand zu anderen Reisenden zu halten.

Was klingt wie eine Zwei-Klassen-Abstandsregel, stammt laut dem Blatt aus einem Schreiben des für Dienstreisen von Mitarbeitern des Bundes zuständigen Innenministeriums. Adressaten waren demnach Oberste Bundesbehörden, darunter Ministerien, der Bundesrechnungshof und die Zentrale der Bundesbank.

Bis Ende März sollen die Mitarbeiter dieser Behörden bei zwingend notwendigen Dienstreisen auch eine zweite Fahrkarte inklusive einer zweiten Sitzplatzreservierung aus den Mitteln des Bundes erstattet bekommen. Zudem könne auch bei Flugreisen ein Mittelsitz dazu gebucht werden, um mehr Abstand zu anderen Passagieren zu halten. Allerdings empfiehlt der Bund in diesem Schreiben aber offenbar das Auto als im Sinne des Infektionsschutzes sicherstes Verkehrsmittel, weshalb auch die Nutzung eines Mietwagens anerkannt werden könnte. Gegenüber Fahrgästen hingegen verweist die Bahn - und damit der Bund - stets darauf, wie sicher eine Zugfahrt sei.

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Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ äußerten Oppositionspolitiker nun Kritik an diesem Schreiben.„ Es fragt sich, warum der Bund einen Mindestabstand in Zügen nur für die Mitarbeiter und nicht für alle Passagiere garantiert“, wird der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Stefan Gelbhaar, dort zitiert. Gegenüber dem „Handelsblatt“ bezeichnete zudem Marion Jungbluth vom Verbraucherzentrale Bundesverband die Sonderkonditionen für Mitarbeiter des Bundes als „eine krasse Vorteilnahme“ und einen „unglaublichen Vorschlag“.