Nach der Besetzung der Stasi-Zentrale sah es wüst aus im Komplex an der Normannenstraße. Vor dem sogenannten Sturm hatten  Bürgerrechtler das Objekt bereits übernommen, die meisten Mitarbeiter hatten es verlassen. Foto: Zentralbild/dpa

Berlin - In zwei Tagen jährt es sich: Am 15. Januar 1990, wenige Wochen nach dem Mauerfall, verschafften sich aufgebrachte DDR-Bürger Zutritt zur  Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg.  In MfS-Objekten der DDR-Bezirke hatten Bürgerrechtler schon zuvor diese Hinterlassenschaften gesichert. Am Ende wurden Millionen von Papieren, Karteikarten, Fotos und Tonträgern die Grundlage für die Stasi-Unterlagen-Behörde. Nun wird sie am 17. Juni aufgelöst - just am Jahrestag des gescheiterten Volksaufstands 1953.

Die Akten kommen ins Bundesarchiv, die etwa 1300 Mitarbeiter werden übernommen. Das Amt „Der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, wie die BStU abgekürzte Behörde in voller Länge heißt, wird abgeschafft, Amtsinhaber Roland Jahn (67) scheidet aus. Wiederholt hatte der frühere DDR-Oppositionelle stolz auf den einmaligen Charakter der Sonderbehörde mit rechtsstaatlicher Nutzung der Dokumente aus einem Unrechtsstaat verwiesen.

Das bevorstehende Ende sieht er aber gelassen: „Die Akten bleiben offen, Auskünfte werden weiter erteilt.“  Die Überführung der Akten, die an ihren  Standorten bleiben, sei ein Gewinn, sagt Jahn: „Damit wird dauerhaft ein Teil des nationalen Gedächtnisses gesichert.“ 

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Der Transfer ins Bundesarchiv, im November 2020 vom Bundestag beschlossen, war mit der möglichen Bündelung von Technik, Ressourcen und Kompetenzen begründet worden. Viele der Papiere sind in einem schlechten Zustand, Unterlagen sollen digitalisiert werden. Der Sanierungsstau in den ostdeutschen Archiv-Standorten ist riesig. Das Konzept für die Überführung der Stasi-Akten hat Jahn zusammen mit dem Chef des Bundesarchivs, Michael Hollmann, erarbeitet.  

Doch es gibt auch Kritik. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sprach von einem Schleifen der Behörde. Damit werde den Gegnern der kompromisslosen Aufarbeitung eine Freude gemacht. In der Jahn-Behörde hätten Forschung und politische Bildung schon seit Jahren an Stellenwert verloren. Ein Konzept, was aus der Forschung werden soll, gebe es nicht, beklagte der langjährige Behörden-Mitarbeiter.  

 Roland Jahn ist seit 2011 der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde.  Foto: Fabian Sommer/dpa

Letztlich geht nun eine Ära zu Ende. Am 29. Dezember 1991 trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft, erster Bundesbeauftragter  wurde der ostdeutsche Pfarrer und spätere Bundespräsident Joachim Gauck. Auf ihn folgten 2000 die DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler und Jahn 2011. Seit Januar 1992 können Menschen in Unterlagen schauen, die die Stasi ohne ihr Wissen geführt hat. Als erste lasen Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley in der neuen Behörde in solchen Papieren und erfuhren, wie brutal die Stasi in ihr Leben eingegriffen hatte. Im ersten Jahr wurden in Ostdeutschland mehr als 520.000 Anträge auf persönliche Akteneinsicht gestellt.  

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Längst werden nicht mehr so viele solcher Anträge gestellt. 2020 waren es dennoch noch mehr als 35.000.  Seit 1992 wurde bei der Behörde insgesamt knapp 3,4 Millionen Mal beantragt, einen persönlichen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Laut Jahn steigt nun die Zahl derer, die mehr über das Leben gestorbener Angehöriger wissen wollen. Hinzu kamen 3,4 Millionen Ersuchen öffentlicher Stellen etwa für Überprüfungen im öffentlichen Dienst sowie Anträge von Forschern und Medien.

Zur Stasi-Hinterlassenschaft gehören allein mehr als 111 Kilometer Schriftgut. Zudem lagern bis heute in mehr als 15.000 Säcken zerrissene und noch nicht erschlossene Papiere.