Bekenntnis gegen die parlamentarisch-demokratische Republik 150 Jahre nach Gründung des Kaiserreichs: Reichsflaggen schwenkende Demonstranten versuchen am 29. August 2020, in das Reichstagsgebäude einzudringen. Foto: imago images/JeanMW

Ruck, zuck ging das: Demonstranten durchbrachen die Absperrung, nahmen die Stufen des Reichstagsgebäudes und drängten zu den Eingangstüren. Drei Polizisten stellten sich der mitunter pöbelnden und handgreiflich werdenden Menschenmenge in den Weg und verhinderten, dass sie weiter vordrang, in den Deutschen Bundestag, ins Herz der Demokratie der Republik.

Tausende Menschen demonstrierten an jenem 29. August 2020 in Berlin gegen die Corona-Politik der Bundesregierung, vordergründig. Dazu aufgerufen hatte die Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“. Auch AfD- und NPD-Politiker, „Reichsbürger“ und „Identitäre“ sowie andere rechtspopulistische bis rechtsextreme Gruppen waren am Aufruf beteiligt. Über vielen Köpfen wehten schwarz-weiß-rote Flaggen.

Bei kaum einer Corona-Demo in den vergangenen Monaten fehlte die einfache Reichsflagge: drei waagerechte, gleich breite Streifen in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Von 1867 bis 1871 war sie die Flagge der Kriegs- und Handelsmarine des Norddeutschen Bundes, bis 1919 die des Deutschen Kaiserreichs und von 1933 bis 1935 auch die des Dritten Reichs. Wer sie trägt, bekennt Farbe gegen eine parlamentarisch-demokratische Republik.

Eckart Conze. Foto: imago images/Anke Wälischmiller 
Eckart Conze

... ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg. Er zählt zu den profiliertesten deutschen Zeithistorikern, war Gastprofessor an den Universitäten Bologna, Cambridge, Toronto und Utrecht sowie am Richard-Koebner-Zentrum für Deutsche Geschichte der Hebräischen Universität Jerusalem. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte von Adel und Eliten, die internationale Politik vom 18. bis ins 21. Jahrhundert, die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und die Historische Sicherheitsforschung.

Die in nicht wenigen Ländern der Welt heraufgezogene Renationalisierung hat längst auch Deutschland heimgesucht. Der Historiker Eckart Conze warnt vor einem neuen Nationalismus, der die „Berliner Republik“, wie der Publizist Johannes Gross diesen deutschen Nationalstaat nannte, in eine schwarz-weiß-rote Tradition stelle und sich damit „unkritisch und offensiv“ zur preußisch-deutschen Nationalgeschichte bekenne, der das Kaiserreich in „ein rosiges Licht“ tauche und „ein kritisches Bild seiner Geschichte zu entsorgen“ versuche.

Zum 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Kaiserreichs hat Conze, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg, ein Buch geschrieben, das in jeden Geschichtsunterricht gehört: „Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe.“ Vor dem Hintergrund der „jetzt wieder schärfer, zum Teil aggressiver“ gestellten nationalen Frage versteht er seine kurzweilig zu lesenden Ausführungen als „historische Analyse und geschichtspolitische Intervention“. Dabei beruft er sich auf ein Wort des Historikers Johann Gustav Droysen (1808–1884): „Das, was war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in gewissem Sinne noch ist und wirkt.“

Mutmaßliche Schlafwandler, streitbare Hohenzollern 

Das Deutsche Kaiserreich wirkt nach. In seinem Schatten, den es bis in Gegenwart wirft, wird wieder debattiert über seine Schuld oder Unschuld am Ersten Weltkrieg, am Scheitern der Weimarer Republik, an der Machtergreifung Hitlers.

Durch Christopher Clark ist die Kriegsschuldfrage auch ins Blickfeld des öffentlichen Interesses gerückt. Der australische Historiker stellt mit seinem Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, das 2012 erschien, die von seinem Kollegen Fritz Fischer in den 1960er-Jahren aufgestellte, seitdem in der Forschung vorherrschende These der besonderen Kriegsschuld des Deutschen Kaiserreichs infrage. Als Systemversagen deutet Clark den Kriegsausbruch. Alle Großmächte seien in den Krieg hineingestolpert. Wer will, der liest das Buch als Plädoyer für eine deutsche „Kriegsunschuld“.

Ein weiteres Beispiel für das Nachwirken des Kaiserreichs ist die Kontroverse über die Hohenzollern, Familie des letzten deutschen Kaisers, und ihre im Jahr 2014 gestellte, 2019 bekannt gewordene Forderung auf Entschädigung.  

Tatsächlich aber geht es um das Bild der Hohenzollern in der deutschen Geschichte, um das Bild Preußens und das Bild des Kaiserreichs.

Eckart Conze, Historiker

Von entscheidender Bedeutung ist die Antwort auf die Frage, ob der 1945 von der Sowjetischen Militäradministration enteignete Kronprinz Wilhelm von Preußen der Hitler-Diktatur „erheblichen Vorschub“ geleistet habe. Wenn ja, hätte die Familie gemäß Ausgleichsleistungsgesetz keinen Anspruch auf Entschädigung. Dazu liegen sich widersprechende Gutachten von Historikern vor.

Es gehe dem Familienoberhaupt Georg Friedrich von Preußen weniger um Entschädigung als vielmehr um das Bild der Hohenzollern in der deutschen Geschichte, um das Bild Preußens und das Bild des Kaiserreichs, glaubt Conze. „Warum vertreten die Nachkommen des letzten Kaisers ihre Forderungen seit einiger Zeit mit so großem Selbstbewusstsein?“, fragt er. „Verspüren sie durch den Zeitgeist, das politische und gesellschaftliche Klima Rückenwind?“

In diesem Klima ist der Wiederaufbau des Berliner Schlosses gediehen, von 1443 bis 1918 Residenz der Hohenzollern, 1950 von der DDR gesprengt. Conze kritisiert die „symbolische und geschichtspolitische Botschaft“, die vom Schloss ausgeht, in dem die – überwiegend zu Kolonialzeiten geraubten – Kulturgüter des Ethnologischen Museums ab diesem Jahr zu sehen sein sollen. Darin sieht er eine „selektive Aneignung von Architektur und Architekturgeschichte in der Berliner Republik“. Und er fragt, warum dafür der Palast der Republik, „herausragendes Objekt politischer Architektur der späten DDR“, abgerissen wurde.

Die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs: Anton von Werner malte die Zeremonie vom 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles. Auf dem Podest steht Wilhelm I. in der Bildmitte, in weißer Uniform Otto von Bismarck. Foto: imago images/WHA United Archives International

Das Deutsche Kaiserreich – seine Geschichte beginnt am 18. Januar 1871. Höchste Herren haben sich an jenem Tag im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bei Paris eingefunden, voran Wilhelm I., König von Preußen, Fürsten und Vertreter deutscher Dynastien in Gardeuniformen, dazu fast ausschließlich Militärs.

Anton von Werner hat diese Szene –„Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches“in vier Gemälden festgehalten, von denen eines erhalten geblieben ist. Selbstverständlich zeigt der Maler nicht, wie es damals wirklich war, schließlich ist er Künstler. Aber er gibt die militärische Atmosphäre wieder, in der die Zeremonie stattfand.

Das preußische Streben nach deutscher Einheit unter Federführung von Otto von Bismarck hat mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 seinen Höhepunkt erreicht. Als Wilhelm I. die deutsche Kaiserkrone annimmt, ist der Kampf noch nicht beendet, aber für Frankreich verloren. Beide Seiten unterzeichnen vier Monate später einen Friedensvertrag. Mit diesem Krieg gelten die Kriege gegen Dänemark 1864 und Österreich 1866 als Reichseinigungskriege.

Otto von Bismarck plagt sich mit Albträumen

Dem „Rufe der deutschen Fürsten und Städte“ folgend – nicht des Volkes, wie Conze betont – nimmt Wilhelm I. die Kaiserkrone an, „in der Hoffnung, daß dem deutschen Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen und opfermutigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb seiner Grenzen zu genießen, welche dem Vaterlande die seit Jahrhunderten entbehrte Sicherheit gegen einen erneuten Angriff Frankreichs gewähren“.

„Selbst in der Stunde des Triumphs (...) wurde die Kontinuität der französischen Bedrohung beschworen“, stellt Conze fest. „Fast schien es, als brauche die kriegsgeborene deutsche Einheit die – fortgesetzte – französische Gefahr, als sei die innere Einheit von äußerem Druck abhängig. Krieg und Reichsgründung, so viel ist sicher, trugen zu Frieden und Versöhnung nicht bei.“

Dem Architekten der Kaiserreichsgründung schwante das. „Mein Schlaf ist keine Erholung, ich träume weiter, was ich wachend denke, wenn ich überhaupt einschlafe“, tat Bismarck bei einer Abendveranstaltung im Mai 1872 kund. „Neulich sah ich die die Karte von Deutschland vor mir, darin tauchte ein fauler Fleck nach dem anderen auf und blätterte sich ab.“

Der Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich habe einen „nationalen Bellizismus“ verstärkt, „der gleichsam zum Fundament der nationalen Einheit wurde und ohne den auch der Militarismus des Kaiserreichs, politisch und gesellschaftlich, kaum zu erklären ist“, analysiert Conze. Für den deutschen Weg in den Ersten Weltkrieg sei dieser Bellizismus „von entscheidender Bedeutung“ gewesen.

Stumme Zeugen der Reichseinigungskriege: Die undatierte Aufnahme zeigt die Siegessäule und das Bismarck-Denkmal auf dem Königsplatz, heute Platz der Republik. Beide Nationaldenkmäler wurden bei der Planung der Neugestaltung der Reichshauptstadt („Welthauptstadt Germania“) Ende der 1930er-Jahre auf den Großen Stern versetzt. Foto: imago images/Arkivi

Von diesem kriegsverherrlichenden Fundament zeugt die Siegessäule, errichtet in den Jahren 1864 bis 1873. Einst stand sie am Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, wo sich Ende August 2020 Reichsflaggen schwingende Demonstranten zum Sturm aufs Reichstagsgebäude sammelten; Ende der 1930er-Jahre wurde sie im Rahmen der Neugestaltung der Reichshauptstadt („Welthauptstadt Germania“) auf den Großen Stern versetzt – mit breiterem Sockel und höherer Säule.

Das erste Nationaldenkmal des Deutschen Reichs war für Kaiser Wilhelm I. ein „Zeugnis der Taten der Armee“. Den Sockel zieren bronzene Reliefs. Sie stellen die drei Einigungskriege und den triumphalen Einzug der siegreichen deutschen Truppen in Berlin 1871 dar. Am Sockel stand bis zu ihrer Entfernung nach dem Zweiten Weltkrieg die Inschrift „Das dankbare Vaterland dem siegreichen Heer“.

Auf der Säule steht eine bronzene Viktoria, in der römischen Mythologie die Siegesgöttin. In ihrer rechten Hand hält sie einen Lorbeerkranz, in ihrer linken ein Feldzeichen mit Eisernem Kreuz; auf ihrem Kopf trägt sie einen Adlerhelm, der sie auch als Borussia erscheinen lässt, der Personifikation Preußens.

Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein.

Thomas Mann, Schriftsteller

„Nicht für Freiheit ohne Einheit, sondern für Einheit ohne Freiheit entschied sich die nationale Bewegung in den 1860er-Jahren unter dem Druck der Politik Bismarcks“, schreibt Conze. Diese Entscheidung sei getragen worden „von der Hoffnung, ja der Gewissheit, der nationale Staat werde auch ein liberaler Staat werden können“. Zwar habe das Kaiserreich „Liberalisierungsfortschritte“ gemacht, doch sei es als „Kriegsgeburt“ im Zuge einer „Revolution von oben“ ein autoritärer Nationalstaat geblieben, eine preußisch dominierte konstitutionelle Monarchie, die eine parlamentarische Demokratie zu verhindern wusste.

Das Kaiserreich versank nach noch nicht einmal fünf Jahrzehnten im Ersten Weltkrieg und in der ihm folgenden Revolution. Sein Schatten legte sich über die Weimarer Republik. Der habe, da ist sich Conze sicher, zum Scheitern der ersten deutschen Demokratie „entscheidend“ beigetragen und die Machtergreifung der Nationalsozialisten begünstigt. Das „Dritte Reich“ – die völkische Bewegung, die um 1900 entstand, sah in ihm den Nachfolger des Kaiserreichs (1871–1918) und des Heiligen Römischen Reichs oder Römisch-Deutschen Reichs (962–1806) – legte sich, weite Teile Europas und der Welt in Schutt und Asche.

„Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsche Reich preußischer Nation immer nur ein Kriegsreich sein“, sagt der Schriftsteller Thomas Mann in seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ Ende Mai 1945. „Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt, und als solches geht es zugrunde.“

Das „Dritte Reich“ war kein „Betriebsunfall“

Die neuen Nationalisten versuchten, das Kaiserreich als „normale Nation“ zu charakterisieren, um damit den Nationalstaat Bundesrepublik Deutschland in die Tradition des Reiches von 1871 stellen zu können, mahnt Conze. Das werde einfacher, wenn man das Kaiserreich einschließlich seiner Eliten vom „Dritten Reich“ scharf abtrennt. Der Nationalsozialismus erscheint damit wieder als „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte. Der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern warnte davor schon auf dem Berliner Historikertag 1964.

Weltweit speisen sich die Dynamiken der Renationalisierung aus einer Verklärung der Vergangenheit und einer Verzerrung der Gegenwart. Der neue Nationalismus gebe sich vordergründig demokratisch, indem er sich auf einen vermeintlichen Volkswillen beruft, schreibt Conze; er setzte aber in Wahrheit auf die Ängste der Menschen, auf „Unsicherheits- und Bedrohungswahrnehmungen, an deren Erzeugung er selbst mitwirkt“.

Die daraus resultierende Gefahr für die Demokratie ist groß. Wie anfällig sie ist, hat der Sturm von Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen auf das Kapitol in Washington Anfang Januar gezeigt. Das ging ruck, zuck.

Zum Weiterlesen: Eckart Conze: Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe, dtv, München 2020, 288 Seiten, 22 Euro (Hardcover) und 19,99 Euro (E-Book)