Tausende Kinder sind in syrischen Flüchtlingscamps untergebracht, diese fünf in einem Lager in der Provinz Idlib. Foto: AFP/Omar Haj Kadour

Seit zehn Jahren bestimmen tägliche Gewalt, Angst und Sterben das Leben der Menschen in Syrien.
Mehr als 600.000 Tote und 22 Millionen vertriebene Menschen sowie ein Land in Trümmern sind das Ergebnis des inzwischen zehn Jahre langen blutigen Kriegs. Mehr als die Hälfte der Syrer leidet heute unter Schlafstörungen, Angst und Depressionen. Die Hoffnung auf einen Frieden? Gering. Und dennoch sagt Scheich Ahmed al-Sajasna: „Wir haben keine Reue. Im Gegenteil. Ich fühle mich zufrieden und stolz.“

Der blinde Geistliche, heute Mitte 70, gehörte 2011 zu den Wortführern der Syrer, die angespornt von der Aufständen in der arabischen Welt auch in der südsyrischen Stadt Daraa aufbegehrten. An einem Freitag – drei Tage nach der ersten Demonstration in der Hauptstadt Damaskus am 15. März – versammelten sich die Menschen erst zum Gebet in den Moscheen und strömten dann auf die Straße, wo sie ihrem Unmut Luft verschafften. „Freiheit, Freiheit“, riefen sie.

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Doch Machthaber Baschar al-Assad reagierte, wie es typisch für die Herrschaft seiner Familie ist: Er schickte seine Truppen, die auf die Demonstranten schossen, erst mit Tränengas, dann mit echter Munition.

Die Familie von Abdel Karim Hassan (7, r.) und Malik (9) verdient ihren Lebensunterhalt mit dem gefährlichen Sammeln von Bomben- und Artillerieüberresten. Foto: dpa/Anas Alkharboutli

Aus dem gewaltsamen Vorgehen gegen die Proteste entwickelte sich ein Bürgerkrieg mit internationaler Beteiligung. Und besonders Kinder und Jugendliche wird dieser blutige Konflikt, dessen Kosten die Kinderhilfsorganisation World Vision auf bisher rund eine Billion Euro schätzt, mit seinen Folgen ein Leben lang zeichnen. Und das nicht nur durch verlorene Bildung und einer durch das brach liegende Gesundheitswesen um 13 Jahre verringerten Lebenserwartung.

12.000 Kinder starben im Bürgerkrieg

Kinder und Jugendliche sind traumatisiert von den Bildern, die sie täglich sehen: von Gewalt, Bomben und Leichen. Menschen leiden unter Hunger, haben kein sicheres Zuhause, und ein Ende des Terrors ist noch lange nicht in Sicht. 12.000 Kinder haben durch den Krieg ihr Leben verloren. Viele starben bei Bombenangriffen auf Wohngebiete oder wurden bei Gefechten auf den Straßen erschossen.

2019: Inmitten der Trümmer versucht ein Puppenspieler in der umkämpften Provinz Idlib, Kinder die Schrecken des Krieges für einen Moment vergessen zu lassen.  Foto: AFP/Amer Alhamwe

Die Vereinten Nationen haben Dutzende Fälle von Folter an Kindern sowie Hunderte Fälle von Rekrutierung von Mädchen und Jungen als Kämpfer und Kämpferinnen dokumentiert. Unter allen Konfliktgebieten weltweit verzeichnet Syrien die meisten Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser. 2,4 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen, rund 80 Prozent der syrischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und leiden unter Hunger. 

Mehr als 500.000 syrische Kinder unter fünf Jahren litten an Mangelernährung, sagte Ted Chaiban, Unicef-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bundesentwicklungsministerium. Fast 90 Prozent der syrischen Kinder seien inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Krieg dauert länger als beide Weltkriege zusammen

„Der Krieg in Syrien dauert inzwischen länger als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Kinder, die jünger sind als zehn Jahre, kennen nur den Krieg und wissen nicht, was Frieden ist“, erklärte Birte Kötter, Vorstandssprecherin von Terre des Hommes. Die Hilfsorganisation unterstützt Kinder und schwangere Frauen in zwei Flüchtlingslagern in Syrien mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe und leistet psychologische Unterstützung für traumatisierte Flüchtlingskinder im Irak, in Jordanien, dem Libanon, der Türkei und in Deutschland.

Riesige Zeltstädte sind behelfsmäßiges Zuhause für die syrischen Kinder. 22 Millionen Menschen hat der Krieg vertrieben.  Foto: AP/Ghaith Alsayed

Mittlerweile kontrolliert die Regierung wieder rund zwei Drittel des Landes. Wegen Sanktionen ist sie aber international stark isoliert. Alle Bemühungen um eine politische Lösung blieben bislang erfolglos. Und gerade jetzt, nach zehn Jahren Bürgerkrieg leidet Syrien Hilfsorganisationen zufolge unter einer der schwersten humanitären Krisen seit Ausbruch des Konflikts.

Mehr als zwölf Millionen Menschen hätten keinen regelmäßigen Zugang zu ausreichend Nahrung, sagte der Präsident des Syrisch-Arabischen Roten Halbmondes (SARC), Chalid Hbubati. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung seien nach Schätzungen unter die Armutsgrenze gerutscht.

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Peter Maurer, klagte, die humanitäre Lage werde durch eine schwere Wirtschaftskrise verschärft. Die Corona-Pandemie komme noch obendrauf. Er befürchte, dass die internationale Gemeinschaft Syrien abschreibe. Zivilisten bezahlten den Preis für einen fehlenden politischen Durchbruch. „Wir brauchen eine politische Lösung für den Konflikt“, mahnte Maurer. „Die Syrer können sich kein weiteres Jahr wie dieses leisten, geschweige denn weitere zehn Jahre.“