Yoga ist Balsam für die Seele – gerade in stressigen Zeiten.  Imago Images 

Theodora Kaiser ist Yogalehrerin und seit der Pandemie gefragter denn je. Sie sagt, jeder hat jetzt die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Sie sagt: „Eine Krise kann dazu da sein, etwas zu sehen, das zuvor nicht gesehen werden wollte.“

KURIER: Frau Kaiser, Sie sind Philosophin und Yogalehrerin – welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Zeit?

Theodora Kaiser:  Jeder, absolut jeder Mensch ist von der Corona-Krise getroffen, das macht den großen Unterschied zu sonstigen Krisen. Nun kann jeder einzelne versuchen, aus der Krise etwas zu lernen, sich etwas auszudenken, sich neu zu definieren. Das ist ein fruchtbarer Moment.

Setzen Sie sich mehr mit dem Leben und dem Tod auseinander?

Leider hatten wir in unserer Familie vor der Krise das Thema und waren schon mit dem Tod konfrontiert und haben es überstanden.

Yogalehrerin Theodora Kaiser: „Reden hilft vielen.“ privat

Warum ist der Tod nach wie vor ein Tabuthema?

In unserer Kultur spricht man aus verschiedenen Gründen nicht gerne über den Tod, da viele Menschen Angst vor ihm haben, ihn einfach verdrängen möchten. In östlichen Kulturen, in deren Lebensphilosophie ist der Tod eine Übergangsphase. Das Leben nach dem Tod, Karma, das ewige Rad des Lebens, sind alles nur einzelne Begriffe mit denen fernöstliche Kulturen anders umgehen. Hier zu Lande und in der westlichen Welt gilt der Tod als etwas Böses, der Jugendwahn hat Konjunktur und da möchte sich doch niemand mit dem Alter, dem Tod oder sonstigen finsteren Gedanken plagen.

Warum haben viele Angst?

Weil man kein Ende sieht, es gibt noch kein Wundermittel, das den kleinen Feind eliminieren kann. Wir sind es gewohnt, alles zu kontrollieren, alles zu erklären, jedes Problem zu lösen und da ist so ein Virus, der nun schon seit Monaten unser Leben dominiert nicht das, was wir bisher in unserem Leben kennen. Die Menschen, die einen Krieg mit und überlebt haben, kennen solche Gefühle vielleicht eher. Man kann nicht immer erwarten, dass das Leben so läuft, wie man es will. Manchmal muss man kreativ sein, Geduld haben, hoffen, bestimmte Regeln befolgen und irgendwann wird jemand mit einem Impfstoff kommen und vielleicht eine Lösung haben. Aber Krankheiten, Pandemien gab es immer, und es wird sie immer wieder geben.

Wir brauchen eine klare und kluge Politik.

Theodora Kaiser 

Sehen Sie einen gesellschaftlichen Wandel?

Viele müssen umdenken und sich auf sich oder einige innere Werte besinnen. Wir lernen doch alle gerade, dass es immer Wege in einer Krise gibt, wir müssen nicht gerade nach Indien oder Thailand reisen, Europa oder gar Deutschland sind doch schön. Wir müssen nicht jeden Tag ins Restaurant, ins Kino in Clubs gehen, um uns abzulenken. So hat jeder eine Chance ein „anderes Leben zu leben“. Wir können stricken, nähen, malen oder lesen, und es gibt sicher einiges, das jeder von uns in der Krise wieder neu entdeckt hat, was diese Person seit langem nicht mehr gemacht hat. Das ist ein Gewinn.

Wo liegen die Schwachstellen?

Es gibt zu viele ignorante Menschen, die die Situation nicht ernst nehmen, die weder Masken tragen noch Abstand halten, das sind junge oder alte Menschen – egal welcher Herkunft. Die gab es leider schon immer. Wir brauchen auch eine klare und kluge Politik, die den Menschen hilft, nicht nur finanziell, sondern auch moralisch. Es wäre ratsam, kluge und mutige Politiker zu haben, die den Menschen mehr Transparenz geben und aufklären. Weiterhin gibt es Berufe, die sehr wenig Unterstützung erhalten, Künstler, Selbstständige, denen es nicht hilft, eine einmalige, kleine Überbrückungs-Summe zu bekommen. Wir leben in einem Land, in dem große Firmen sehr viel Geld bekommen und Einzelne sehr wenig. Das ist keine gerechte Verteilung und das frustriert den Einzelnen, der wenig oder gar nichts bekommt, immens.

Theodora Kaiser zeigt eine Übung. 
Das hilft gegen Rückenschmerzen

Theodora Kaiser: „Stellen Sie sich gerade hin, atmen Sie ein, strecken Sie nun Ihre Arme nach oben und beugen Sie sich, während Sie ausatmen, mit Ihrem gesamten Oberkörper nach unten auf den Boden. Sie haben die Hände nun so weit von Ihrem Kopf entfernt, dass Sie den Boden berühren können. Sie sind nun im DREIECK. Atmen Sie in dieser Haltung lang und tief, immer durch die Nase, ein und aus. Diese Haltung bewirkt, dass sich Ihr gesamtes Nervensystem stabilisiert. Schließen Sie dabei die Augen, damit Ihr Gehirn, die vielen Bilder, die Sie wahrnehmen, auch einmal ruhen kann. Bleiben Sie so lange es geht in dieser Haltung. Atmen Sie ein, beugen Sie Ihre Knie und kommen Sie langsam zurück zum Stehen.“ Mehr Informationen unter: info@yoga-kaiser.com

Worunter leiden viele Ihrer Klienten?

Viele Menschen haben eine reale Angst, dass sie nicht mehr genug haben, um zu überleben. Sie hatten gerade ein Geschäft eröffnet oder mit einem kleinen Business begonnen und nun ist vieles stagniert. Diese Menschen müssen erst einmal gehört werden. Ängste müssen ausgesprochen werden, damit sie nicht als eine Dauerangst in uns hängenbleiben. Und danach suchen wir Lösungen. Meistens gibt es einen Weg, einen neuen, den man einschlagen kann. Und das sind dann die schönen Momente, wenn man gemeinsam etwas erreicht hat.

Welche Körperteile sind besonders betroffen?

Viele Menschen klagen über Rückenschmerzen, das kommt eventuell von den Küchenstühlen, auf denen gesessen wird oder der Küchentisch, der den Schreibtisch ersetzen soll. Hinzu kommt mangelnde Bewegung. Man fährt nicht mehr mit dem Fahrrad zum Büro oder läuft nicht mehrstündig zur Arbeit. Wer 30 Minuten täglich läuft, sich dehnt, ist gut dran.

Welche Übungen helfen?

Atmen ist das erste, eine lange und tiefe Bauchatmung hilft, sich erst einmal zu beruhigen. Sauerstoff kommt vermehrt in den Körper und vor allem in den Bauch. Man fühlt eine Besserung in nur kurzer Zeit. Anstrengendere Yoga-Übungen helfen, den Kopf frei zu bekommen – je schwerer eine Haltung, desto weniger denken wir an unsere Sorgen.

Wie geht diese Atem-Übung?

Sie setzen sich gerade auf einen Stuhl, Ihr Sofa oder auf den Boden – und möglichst mit geradem Rücken. Die Augen schließen, und versuchen, sich nur darauf zu konzentrieren, wie die Atmung sehr langsam über die Nase den Körper fließt. Der Atem fließt nun langsam in den Bauch. Er ist wie ein Luftballon, der langsam aufgeblasen wird. Das sollte man mindestens fünf Minuten lang versuchen, der Körper braucht bei Stress diese Zeit. Man kann es auf bis zu 30 Minuten steigern und fühlt sich bald besser.

Gesundes Essen ist sehr wichtig.

Theodora Kaiser 

Heilen Sie mit Yoga verängstigte Seelen?

Ich erlaube mir zu sagen, dass ich gerade in dieser Zeit Menschen helfen kann, ihre Ängste zu akzeptieren, anzunehmen und durch bestimmte Übungen „nach innen zu schauen“. Manchmal geht es schnell, wenn der Schüler, die Schülerin offen ist, um sich darauf ein zu lassen. Da ich meine Schülerinnen und Schüler schon länger unterrichte, kennen wir uns, man vertraut sich – und durch und mit Yoga, den Haltungen, der Atmung und in der Meditation arbeiten wir daran, Ängste und negative Gefühle zu verarbeiten. Da wir manchmal auch am Ende der Stunde über Sorgen reden, suchen wir gemeinsam einen Weg zur Heilung.

In der Corona-Zeit plagt viele, dass sie zugenommen haben. Was raten Sie Menschen, die in solchen Zeiten das Maß verlieren?

Sich zu bewegen, den Körper zum Schwitzen zu bringen – denn so kann sich das Immunsystem wiederaufbauen. Gesundes Essen ist sehr wichtig, Gemüse, Obst, frische Nahrung sind auch vor oder nach der Corona Krise hilfreich, ein gesundes, sowie ein geistig gesundes Leben zu führen.

Welches Bewusstsein sollten sich die Menschen schaffen, um Krisen wie diese besser zu meistern?

Achtsam mit sich und mit der Umwelt werden. Wenn wir uns spüren, wenn wir um uns Bescheid wissen, wer wir sind oder was wir wollen, können wir friedlich und ausgeglichen mit der Umwelt leben.

Corona hat gerade die Selbstständigen vor eine harte Probe gestellt. Wie haben Sie das geschultert?

Ich habe schon am ersten Tag des Lockdowns meine Kurse online gesetzt. Jeder hat heute ein Smartphone oder einen Computer. Dank dieser Hilfsmittel konnten wir weiter gemeinsam arbeiten. Manche hatten dazu nicht die Muße, mit denen habe ich dann ein wenig geredet, um Ängste aufzunehmen.

Wir haben gelernt, dass wir nicht alles kontrollieren können. 

Theodora Kaiser 

Gibt es Dinge, die Sie bei sich selbst entdeckt und die Sie überrascht haben?

Ehrlich gesagt nicht, da ich schon immer gerne zurückgezogen lebe. Ich habe meine Familie, meine Kinder, meinen Mann und ein paar sehr gute Freundinnen, mit denen ich rede oder telefoniere. Das sich zurückziehen“ macht mir nicht viel aus. Ich bin gerne allein. Ich habe dazu auch schon einige sehr schwere Momente in meinem Leben erlebt, überlebt und kann mich glücklich schätzen, diese gemeistert zu haben.

In sich gehen und bei sich bleiben. So kann man Krisen überwinden.  Imago Images 

Wie finden Sie den Umgang der Menschen miteinander?

Menschen sind unterschiedlich. Manche brauchen das „Draußen“, um sich abzulenken, diese Menschen kommen schlecht mit der Corona-Krise aus. Vielleicht haben sie aber einen Weg gefunden, sich neu zu erleben. Ich habe aber das Gefühl, dass viele sehr viel netter miteinander umgehen. Das geteilte Leid hat scheinbar etwas dazu beigetragen, sich zu vereinen und nicht gegeneinander zu arbeiten.

Was für Lehren ziehen Sie aus der Zeit?

Wie in jeder Krise gibt es einen Weg heraus. Wir haben gelernt, dass wir nicht alles kontrollieren können. Wir können lernen, das Leben so anzunehmen, wie es kommt. Denn es wird immer wieder im Leben Krisen geben, die zu meistern sind.

Es ist alles machbar, wenn wir Hass und Missgunst aus unserem Leben entfernen.

Theodora Kaiser 

In welche Richtung, hoffen Sie, geht die Gesellschaft in Zukunft?

Hoffentlich bleibt die Erinnerung ein wenig, dass wir es alle nur schaffen, wenn wir einander helfen. Dass wir wahrnehmen, wer wir sind und was wir tun können, um uns zu schützen. Die Gesellschaft besteht aus vielen Gliedern, und es ist alles machbar, wenn wir Hass und Missgunst aus unserem Leben entfernen und uns auf ein Miteinander konzentrieren.

Was muss dafür geschehen?

Der Staat sollte mehr helfen, nicht nur den großen, sondern auch den sehr kleinen Unternehmen, den Künstlern zum Beispiel. Theater und Musik ist ein Heilmittel, um Menschen für einen Augenblick aus der Realität zu holen. Auch jeder Einzelne ist gefragt, wir können reflektieren und erkennen, was wir in Zukunft anders machen können. Gemeinsame Gespräche mit Freunden oder Fremden helfen, um Wege zu finden. Jeder Mensch denkt oder fühlt anders, aber die Angst, die sicher viele Menschen in dieser Krise empfunden haben oder immer noch fühlen, kann und sollte erhört und angenommen werden. Eine Krise kann dazu da sein, etwas zu sehen, das wir zuvor nicht sehen wollten. Es gibt immer eine Lösung, aber die fällt selten vom Himmel. Wir haben einen Verstand, und wenn wir ihn nutzen, kann er hilfreich sein.