Antje Remke
Foto: Remke

Eigentlich wollte Antje Remke nicht in den Westen gehen. Jedenfalls nicht in den Tagen direkt nach dem Mauerfall, als es um sie herum immer einsamer wurde, weil ihre Kolleginnen ihre Jobs kündigten, um aufzubrechen und das neue, unbekannte, andere Deutschland kennenzulernen. Remke war damals 21 Jahre alt und Krankenschwester in der Rettungsstelle am Kreiskrankenhaus in Rathenow im Havelland. Sie blieb erstmal.

Und dann wurde doch alles anders: ihr Berufsleben, ihr Leben überhaupt. Heute ist Remke 52 Jahre alt. Sie arbeitet immer noch im sozialen Bereich, aber nicht mehr als Krankenschwester. Seit 2008 bietet sie anderen Menschen Lebenshilfe an.

Antje Remke erzählt davon, was alles anders wurde und wie und warum. Sie ist einer von neun Menschen, die am heutigen Dienstagabend ihre Erfahrungen in einem digitalen Erzählsalon teilen werden. Das Gespräch ist Teil der Veranstaltungsreihe „30 Jahre Deutsche Einheit: Deine Geschichte – Unsere Zukunft“ der Germanistin Katrin Rohnstock, welche die Berliner Zeitung live überträgt. Es geht darum, Menschen mit ihren Geschichten ernst zu nehmen. Sie erzählen zu lassen von ihren Erfahrungen. Sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Und anderen Menschen die Gelegenheit zu geben, daran teilzuhaben. Man kann live dabei sein, immer dienstags um 18 Uhr.

Antje Remke spricht gern über ihr Leben, wenn man sie anruft und nach ihrer Geschichte fragt und nach ihrer Arbeit. Authentisch sein, unverstellt, auch über das reden, was nicht klappt, das ist es, was sie will. Nicht nur ein Rädchen sein im Getriebe, vielleicht verbirgt sich auch das hinter ihren Worten.

Damals, in den ersten Tagen nach der Wende, fuhr sie das erste Mal nach West-Berlin. Vor der Gedächtniskirche sah sie einen Lastwagen, von dem „an die armen Ossis Schokolade verteilt wurde“. So schildert sie es. „Das ist ein Bild, das ich heute noch vor mir sehe. Ich habe mich geschämt für die Ossis, die die Schokolade genommen haben“, sagt sie. Sie fühlte Scham, aber auch Verbundenheit. Sie wollte nicht die Ost-Krankenschwester sein, die in den Westen geht, um dort großes Geld zu verdienen.

So war es 1990. Aber dann wurde ihr die Kleinstadt doch zu eng. Und das betraf auch ihren Job. Es kam der Moment, an dem ihr die Rathenower Rettungsstelle wie Arbeit am Fließband vorkam. „Der Kontakt zu den Menschen fehlte mir. Ich habe die alle nie wieder gesehen“, sagt sie. Ein bisschen Salbe, Pflaster drauf und guten Weg, das war ihr zu anonym. Sie suchte im Berliner Stadtplan nach einem roten Kreuz, bewarb sich und landete in einer orthopädischen Klinik in Zehlendorf.

Antje Remke heute

Remke

Zu früh von der Schule abgegangen

Aber auch in Zehlendorf hielt es Remke nicht lange aus. Sie habe mehr gewollt, sagt sie. Krankenschwester sei sie ja eher zufällig geworden. Zu früh von der Schule abgegangen, eine falsche Entscheidung, wie sie heute findet. Als junger Frau im Westen standen ihr plötzlich alle Möglichkeiten offen. Die Wende sei das Beste gewesen, was ihr passieren konnte, sagt sie.

Sie wollte etwas für den Kopf. Abwechselung. Sie studierte Sozialarbeit in Karlshorst, fühlte sich wohl mit den neuen Eindrücken, den Erfahrungen bei der Berufserkundung. „Ich habe gemerkt, dass ich mich auf viele verschiedene Menschen einstellen kann, dass ich vielseitig bin und neugierig. Nach dem Studium hat sie dann lange für das Frauenzentrum „Evas Arche“ in Berlin gearbeitet.

Ihre Stelle wurde gestrichen

Das gefiel ihr. „Ich konnte mir was ausdenken, habe Gruppen geleitet, die haben mich machen lassen“, sagt sie. Sie hat eine Familie gegründet, zwei Kinder bekommen. Zehn Jahre lang hatte sie Spaß an ihrer Arbeit. Allerdings sei ihre Stelle irgendwann nicht mehr finanzierbar gewesen, „es hieß, prophylaktische Sozialarbeit sei nicht mehr wichtig“, sagt sie. Als Kolleginnen ihr rieten, sich selbstständig zu machen, entschied sie, das auszuprobieren. Sie wurde Coach.

Heute kommen Menschen zu ihr, denen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlt, die Schwierigkeiten haben, sich zu entscheiden, sich überfordert fühlen, unverstanden. „Ich sehe jetzt die Menschen wieder. Sie kommen, ich inspiriere sie, und irgendwann gehen sie weiter“, sagt sie. Sie hat lange Kontakt zu den Menschen, die sie behandelt, lernt sie gut kennen. Es ist anders als in der Rettungsstelle eines Krankenhauses. Sie hat erreicht, was sie wollte.

Antje Remke sagt über sich selbst, sie sei ein sehr zuversichtlicher Mensch. Es werde sich alles finden. Immer wieder ergeben sich neue Möglichkeiten. Auf diese Weise bewältige sie alle Umbrüche in ihrem Leben, sagt sie. Nicht nur im Beruf.