Bis zum ersten März musste die Ernte beendet sein, dann wird das Schilf ein Jahr lang getrocknet. Foto: Thomas Uhlemann

Das havelländische Dorf Pritzerbe kann mit einer echten Rarität aufwarten: die einzige verbliebene Rohrweberei Deutschlands befindet sich hier am Ufer des Pritzerber Sees. Gerade ist die Ernte von Schilfrohr, genauer: der Miscanthus-Stängel, zu Ende gegangen. Seit dem 1. März darf kein Baum, kein Strauch mehr geschnitten werden, weil die Brutzeit der heimischen Vögel beginnt.

Zeit also, sich mit dem Chef der Rohrweberei, Wolfgang Wagner, über die jahrhundertealte Handwerkstradition in Brandenburg auszutauschen. Die wichtigste Nachricht zuerst: Schilf aus dem Pritzerber See schneiden sie hier schon lange nicht mehr – auch hier geht Naturschutz vor. Stattdessen wird das Schilf auf eigenen Feldern der Rohrweberei kultiviert.

Gut zu wissen

Die Rohrweberei Pritzerbe (An der Marzahner Chaussee 6, 14798 Havelsee, Tel. 033834/ 50236, rohrweberei.de) ist mon. bis frei. von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Eine Besichtigung mit Führung kostet drei Euro. Am Wochenende sind nach Anmeldung Gruppenführungen möglich.

„Wir haben hier die Sorte Miscanthus, sie ist robust und pflegeleicht“, erklärt Wolfgang Wagner. Ein bis zu vier Meter hohes Wuchergewächs ohne natürliche Feinde, das gut eingehegt werden will. Ohne Eingriffe in das empfindliche Öko-System kann es im Havelland trockenen Fußes geerntet werden. 2000 Quadratmeter des asiatischen Schilfgrases baut Wagner in Pritzerbe an. Sein Betrieb ist eine Mischung aus Museum, Bildungsstätte und handwerklicher Produktion. Die Rohrweberei wird von der Stadt bezuschusst.

Die meisten Matten kommen heute billig aus dem Baumarkt, sind aber bald hin.

Schon bei der Anfahrt zur Rohrweberei sieht man das in der Sonne golden leuchtende Schilfgras von weitem. Wildgänse rufen, Kraniche staksen über die Felder. Seit 1946 verweben sie hier in dieser Idylle Schilfrohr zu Matten. Traditionell wurde das Schilf aus dem See im Winter bei Eis über der gefrorenen Wasserkante abgestoßen. In der DDR taten sich Fischer, Rohrweber und Korbmacher zu einer Innung zusammen. Nun aber ist ein zugefrorener See selten geworden. Die Rohrweberei in Pritzerbe die letzte verbliebene in Deutschland. Doch es gibt weiter Bedarf an Schilfmatten: Sie werden als Sichtschutz eingesetzt, als Dachabdeckung für Gewächshäuser, als Baummanschetten bei Bauarbeiten oder als Rollos und Putzträger im Baugeschäft.

Heike Wagner verknotet in der Rohrweberei die Schilfstäbe noch traditionell mit der Hand. Foto: Thomas Uhlemann

Die meisten Matten kommen heute allerdings billig aus dem Baumarkt. Wolfgang Wagners Miscanthus-Matten halten dafür länger, sagt er. „Außen zehn Jahre“, sagt er. Die Schilfmatten aus dem Baumarkt seien schon nach zwei Jahren hin. „Miscanthus ist vollkernig, Schilf ist hohl“, zählt Wagner weiter auf. „Wenn der Faden kaputt geht, geht die Matte auf.“ In Pritzerbe sorgt Wagners Frau dafür, dass sich so schnell kein Faden löst. Sie knotet die Stäbe per Hand zusammen – mit Doppelknoten, sagt Wagner. Für eine Matte von vier Metern Länge und knapp zwei Metern Breite benötigt Heike Wagner sechs Stunden. Die harten Stängel, die sie verarbeitet, sind vom vorletzten Jahr. Denn was jetzt geerntet wird, muss ein Jahr lang trocknen. Wenn der Balkenmäher sich durch den Stängelwald gefressen hat, werden die stabilen Halme zu Garben aufgestellt.

Bis zum Spätsommer bleiben sie draußen, dann kommen sie unters Schleppdach und zum Schluss in die Scheune. „Im März sind die Stangen trocken“, sagt Wagner. „Im März sind die Stangen trocken“. Sagt Wolfgang Wagner. Gerade richtig um mit der Weberei zu beginnen. Schulklassen kommen regelmäßig nach Pritzerbe, ebenso Privatleute und Kunden, die Sonderanfertigungen kaufen wollen. „Wir schauen, was wir möglich machen können“, sagt Wagner. Im kleinen angeschlossenen Museum lernen Besucher die Tiere im Schilf kennen. Draußen führt ein Steg 43 Meter lang in den unberührten Schilfgürtel hinein. Im Biberbau, der bei Niedrigwasser trocken liegt, hat sich eine Mink-Familie gemütlich eingerichtet. Der erste Storch ist schon da. „Ich komme jeden Tag mit Freude zur Arbeit“, sagt Wolfgang Wagner und man glaubt es sofort.