In voller Montur: Die Pfleger Thomas Klotzkowski (l.) und Thomas Große arbeiten auf einer Covid-Station an der Charité. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Auf dem Weg zu Station 59 auf dem Campus Virchow-Klinikum in Wedding warnen Schilder vor Infektionsgefahr. Die Station ist eine von sechs an der Charité, auf der an Covid-19 erkrankte Patienten betreut werden. Wir treffen Thomas Klotzkowski, 55, den pflegerischen Stationsleiter, und Thomas Große, 57, onkologischer Fachpfleger, in ihrer Pause. Beide arbeiten seit 15 Jahren in der Infektiologie, sind also erfahrene Pfleger, haben viel gesehen. Aber Corona ist auch für sie eine Herausforderung. Klotzkowski und Große tragen einfache Wegwerfmasken und die typische blaue Krankenhausuniform.

Berliner KURIER: Sehen Sie so auch auf Station aus?

Thomas Klotzkowski: Nein. Wir tragen einen Schutzkittel, zwei Paar Handschuhe, eine Haube, eine FFP2-Maske und ein Face-Shield.

Müssen Sie die Kleidung jedes Mal wechseln, wenn Sie zu einem neuen Patienten kommen?

Klotzkowski: Wir haben das große Glück, dass wir eine Isolierstation sind. Wir haben eine Raumlufttechnik, die mit einem speziellen Schwebstofffilter ausgerüstet ist. In einem Bereich der Station müssen wir nur durch eine einzige Schleuse und  können dann von Zimmer zu Zimmer wechseln, ohne dass wir uns umziehen müssen. In einem anderen Bereich müssen wir uns jedes Mal ein- und ausschleusen.

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Wie viele Patienten versorgt jeder?

Klotzkowski: Wenn wir vier Pfleger in einer Schicht sind, betreut jeder fünf.

In welchem Zustand sind die Patienten auf Ihrer Station?

Klotzkowski: Viele unserer Patienten bekommen Sauerstoff. Beatmet wird hier aber keiner, das passiert auf der Intensivstation. Wenn wir einen Patienten haben, der 85 Jahre alt ist, der sowieso kaum selbstständig ist – das ist dann anspruchsvolle Pflege. Wenn es außerdem noch um einen dementen Menschen geht, wird es schwierig.

Inwiefern ist der Umgang mit an Covid-19 erkrankten Patienten besonders?

Klotzkowski: Die Menschen können hier keinen Besuch bekommen. Also sind wir die Einzigen, die sie sehen – neben den Ärzten und Physiotherapeuten. Dementsprechend nah ist das Verhältnis, wenn die hier eine ganze Weile liegen.

Das heißt: Da geht man nicht schnell rein und raus?

Klotzkowski: Da muss man sich Zeit nehmen, Gespräche führen. Die Patienten haben viele Ängste. Stellen Sie sich vor, Sie liegen da, bekommen nicht gut Luft, und es wird immer schlechter. Da brauchen Sie viel Zuspruch und Anteilnahme.

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Wie voll ist es denn gerade auf Ihrer Station?

Klotzkowski: Voll. 20 Patienten.

Erschwert das Ansteckungsrisiko Ihre Arbeit?

Klotzkowski: Wenn sich jemand auf Station ansteckt, würde das bedeuten, man hat einen Fehler gemacht. Ansteckungen passieren im privaten Bereich, aber nicht hier.

Wie sieht denn die Personallage aktuell aus?

Thomas Große: Wir bekommen hier bei Bedarf Unterstützung von anderen Stationen. Ganze Bereiche werden geschlossen, um Pflegepersonal für die Covid-Station freizustellen. Das war in der ersten Welle auch schon so, das klappt ganz gut.

Im Sommer hat sich eine gewisse Sorglosigkeit eingestellt, Corona schien oft weit weg. Wie war das für Sie?

Klotzkowski: Weg war Corona für uns nie. Seit wir am 1. März den ersten Covid-Patienten begrüßt haben, hatten wir immer mindestens fünf oder sechs hier, auch den Sommer über. Wir wussten, dass im Herbst die Zahlen steigen. Dass sie so rapide steigen, haben wir aber nicht gedacht.

Profitieren Sie davon, dass Sie jetzt mehr wissen über diese Erkrankung als am Anfang?

Große: Mein Respekt vor der Krankheit hat sich deutlich erhöht. Innerhalb weniger Stunden kann sich der Zustand eines Patienten verschlechtern. Man steht daneben und sieht am Monitor, wie die Sauerstoffsättigung abnimmt. Das ist schon sehr beunruhigend, diesen rasanten Verlauf mitzuerleben, das kannten wir von anderen Krankheiten nicht. Wir schlagen jetzt früher Alarm.

Klotzkowski: Man möchte diese Krankheit nicht haben. Auch als junger Mensch sollte man das nicht als „kleine Grippe“ abtun. Das Virus macht Dinge mit dem Körper, die man noch gar nicht richtig einschätzen kann.

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Sind die meisten Patienten hier eher älter?

Klotzkowski: Das geht durch alle Altersklassen. Die Älteren sind die Schwächsten. Viele haben Vorerkrankungen: Diabetes, Bluthochdruck. Die sind besonders gefährdet, kommen schneller auf die Intensivstation und müssen beatmet werden. Aber auch bei den Jüngeren gibt es immer wieder solche Fälle.

Was finden Sie besonders belastend an der Arbeit?

Klotzkowski: Für mich sind es die Krebspatienten, denen es sowieso schon miserabel geht, die sich dann auch noch mit Covid angesteckt haben. Dieses Leid, das nimmt mich mit. Und die Anrufe der Angehörigen auf der Station, bei denen Sie schon an der Stimme hören, was die für Angst haben, für die man beruhigende und tröstende Worte finden muss.

Große: Die verzweifelten Familien, damit umzugehen ist das Allerschlimmste. Im Arbeitsalltag ist auch die Schutzausrüstung sehr belastend. Wir setzen die Maske ja nie ab.

Klotzkowski: Wir haben schwere körperliche Arbeit zu verrichten, da kommen Sie ordentlich ins Schwitzen. Die Schutzausrüstung erschwert auch die Kommunikation mit den Patienten.

Große: Uns fehlt auch der persönliche Austausch unter den Kollegen. Früher haben wir uns bei schwierigen Fällen zusammengesetzt und beraten. Jetzt müssen wir zwei Meter Abstand zueinander halten, in der Pause essen wir alleine. Die Nähe, die unseren Beruf sonst ausmacht, ist durch die Schutzmaßnahmen sehr schwierig geworden.

Klotzkowski: Ich versorge meine Mutter, natürlich hat man da Angst. Wenn ein Kollege positiv getestet wurde, mit dem ich im Dienst war, das ist nicht einfach für mich.

Große: Ich bin Single, das ist also für mich kein Problem. Aber ich merke, dass die Nachbarn bei mir im Haus einen Schritt zurückweichen, wenn sie mich treffen. Sie sind nett, aber sie halten Distanz, das fällt mir jeden Tag auf. Es gibt viel Unwissenheit, was unsere Arbeit angeht. Wir sind hier völlig sicher.

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Sicherer als in der S-Bahn wahrscheinlich.

Große: Auf jeden Fall. Was man da alles beobachtet! Manche nehmen zum Niesen den Mundschutz ab. Das ist haarsträubend.

Haben Sie neue Strategien gefunden, die den Alltag leichter machen? Ist lachen erlaubt auf der Covid-Station?

Große: Das wäre ja das Schlimmste, wenn man den Humor verliert. Gelacht wird hier immer. Natürlich hat man mal Tage, an denen einem nicht danach ist. Aber das merken die Kollegen dann und bauen einen auf. Da halten wir zusammen.

Ist Triage ein Thema für Sie?

Klotzkowski: Zum Glück noch nicht. Kranke Menschen wegzuschicken, ist der Alptraum. Das möchte keiner.

Große: Das müssen wir mit aller Macht verhindern. Deshalb auch unser Appell: Halten Sie sich an die Empfehlungen vom RKI und unterstützen Sie uns!

Gerade gab es wieder große Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Ich sehe, Sie schütteln schon den Kopf darüber …

Klotzkowski: Dafür haben wir kein Verständnis. Wenn man gerade vom Patienten kommt und dann in den Nachrichten hört, dass Covid-19 als harmloser Schnupfen bezeichnet wird, denkt man schon: Komm mal mit, mein Freund, ich zeige dir mal die Realität.

Für die Pflegekräfte wurde geklatscht, das Land zahlte Ihnen einen Bonus von 450 Euro. Ist das ausreichend?

Große: Der Applaus aus der Bevölkerung war schon toll. Dass die Menschen mal anerkennen, wie wichtig unser Beruf ist. Und Geld ist natürlich auch immer schön. Aber die Arbeitsbedingungen müssten sich für alle verbessern, in ganz Deutschland, auch in den Sozialstationen. Das sind lange Prozesse, aber das nimmt jetzt Fahrt auf, und das freut uns.

Klotzkowski: Viel wichtiger als der Applaus ist, dass die Leute draußen eine Maske tragen. Das würde uns sehr entlasten.